Alltagsaufgaben bewältigen – Früher habe ich viel mehr geschafft

Alltagsaufgaben bewältigen – Früher habe ich viel mehr geschafft

Ein Satz zu Früher. Früher habe ich in der Regel 60 Stunden gearbeitet, auch am Wochenende, habe mich dazu noch ehrenamtlich engagiert, habe Haushalt geschmissen, alle Aufgaben und Probleme mit den Kinder gemeistert, die Wohnung jede Woche auf Hochglanz gebracht, sämtliche organisatorischen Dinge erledigt und noch Zeit für gemeinsame Erlebnisse gehabt. Ich war immer aktiv unter dem Motto: Geht nicht gibt es nicht. Früher.

 

 

Am 27.05.2012 war mein Leben vorbei. Ich landete im großen leeren Nichts der Depression.

 

In der Therapie lernte ich dann, unheimlich langsam, in kleinen Schritten meine Alltagsaufgaben zu bewältigen. Angefangen habe ich mit der einzigen Wochenaufgabe: Erscheinen sie zur Therapie.

Das war alles was ich in einer Woche geschafft habe und ich sollte stolz darauf sein. Das war sehr schwer für mich. Dann lernte ich jeden Früh aufzustehen und für Michael das Frühstück zu machen. Wenn ich in der Woche noch schaffte eine Waschmaschine Wäsche zu waschen, war das schon super toll. Einige Zeit später übernahm ich dazu das Abendbrot – jeden Abend warm kochen, damit ich überhaupt was gegessen habe. Das war lange Zeit mein Wochenrhythmus. Jede Aufgabe (Spazieren gehen, duschen, Staub putzen, Wäsche waschen, aufräumen, einkaufen) die ich darüber hinaus schaffte, wurde als Erfolg gewertet. Viele Therapiestunden begannen damit: ich habe die ganze Wochen nichts gemacht. Meine Therapeutin zählte mir stets all die „vielen“ Dinge auf, die ich bewältigt hatte. Ich lernte ganz langsam, mich zu akzeptieren. So vergingen Jahre!

 

Seit ungefähr 3 Monaten geht es besser. Es ist, meiner Meinung nach, dem Absetzen von meinem Medi Risperidon zuzurechnen. Darüber hinaus habe ich gelernt mich besser zu akzeptieren.

Ich sitze, noch immer, sehr viel in meinem Schneckenhaus. Es ist mein Rückzugsort. Ich gehe kaum vor die Tür. Nur an den Wochenenden schafft es Michael mich zu motivieren raus zu gehen.

Ich schaffe es früh am Morgen für Michael Frühstück zu machen (weil ich das so will),. Das Frühstücksgeschirr steht auch schon mal am Abend noch auf dem Geschirrspüler. Dann gehe ich wieder schlafen. Ich stehe mit Wecker in der Regel um 10 Uhr wieder auf und dann? Dann sitze ich den ganzen Tag auf meinem Sofa. Die meisten Tage mache ich, bis Michael kommt, nicht sehr viel bis gar nichts. Wenn er da ist mache ich das Abendbrot, zwei mal in der Woche koche ich. Ich „bediene“ Michael (weil ich es so will). Danach räume ich alles wieder an seinen Platz bzw. in den Geschirrspüler. Das ist in der Regel mein Tagesablauf.

 

Innerhalb der Woche schaffe ich es jetzt den Geschirrspüler, bei Bedarf, anzustellen und auszuräumen. Darüber hinaus Wäsche zu waschen, zu trocknen, zu legen und wegzuräumen. Es kommt aber auch vor, dass die Wäsche im Trockner oder zusammengelegt auf dem Tisch liegen bleibt. Dann macht es Michael am Abend. Innerhalb von 2-3 Wochen schaffe ich es die Betten neu zu beziehen (verbunden mit Bettwäsche waschen, trocknen, weglegen) und unsere kleine 2 Zimmerwohnung zu putzen. Putzen heißt Badreinigung, ansonsten Staub wedeln, aufräumen und Fußböden wischen. Dazu brauche ich mehrere Pausen und bin danach völlig platt. Wenn es mir gut geht, gehe ich auch Freitags mit Michael den Wocheneinkauf machen. Doch die meisten großen wie kleinen Einkäufe erledigt Michael allein. Unsere Fenster sind schon 2 Jahre nicht mehr geputzt, aber wir können noch durchsehen.

 

Soll ich mich jetzt schämen? Soll ich mich als Versagerin sehen? Nein, nicht mehr. Lange Zeit habe ich mich dafür verteufelt und mich nichtsnutzig gefühlt. Es hat lange gedauert bis ich akzeptieren konnte, das mein Leben jetzt so ist.

 

Ich denke, es sind immer unsere eigenen Erwartungen, die uns leiden lassen, die in uns Druck aufbauen. Wir wollen noch immer ständig funktionieren, wie alle anderen auch. Doch wir sind krank! Wir nehmen unsere ganze Kraft für das alltägliche Überleben. Wir haben die Chance die Welt mit anderen Augen zu sehen und so zu leben wie es uns selbst gut tut.

 

Immer in kleinen Schritten voran, auch mal rückwärts, aber nur um wieder nach vorn zu gehen.