Ich wollte die Welt retten. Ich wollte die Welt verbessern. Ich wollte für andere Menschen da sein, ihnen Gutes tun.

Ich wollte die „Welt“ retten – Ich wollte die „Welt“ verbessern

 

Rette dich selbst! 

Wenn du anderen zu viel deiner eigenen Kraft schenkst, wenn du die Emotionen, Sorgen und Probleme anderer zu nah an dich herankommen lässt, wenn du dich immer wieder in den Sog fremder Dramen hineinziehen lässt, hast du kein sicheres Gefühl für deine eigenen Grenzen.

Menschen, die dazu neigen die Grenzen zwischen sich selbst und anderen nicht deutlich zu ziehen, haben als Kind Grenzverletzungen erleben müssen. Sie rutschen dann nicht selten ein Leben lang in Beziehungen, in denen sie nicht mehr unterscheiden können, was das Ihre ist und was das Fremde. Sie identifizieren sich schnell mit den Sorgen, Nöten und Dramen anderer und meinen es sei ihre Aufgabe sie zu retten. Sie vergessen darüber sich selbst zu "retten". 

 

Quelle: https://angelikawende.blogspot.de


Kinderzeit

Der Beitrag von Angelika Wende hat mich wieder sehr beeindruckt und bewirkt, dass ich auf mich geschaut habe. Da habe ich so einiges gesehen.

 

Ich habe als Kind sehr früh gelernt, mich einzuordnen, unter zu ordnen und vor allem anderen zu helfen. In meiner Erziehung stand immer das Gruppenwohlergehen im Mittelpunkt, selten das eigene Wohl. Wenn ich auf mich selbst geschaut habe, hieß es immer: "sei nicht so egoistisch", "denkst du schon wieder nur an dich".

Schon früh, passte ich auf meine Geschwister auf. Übernahm die Aufsicht für die Nachbarskinder. Für die Oma neben an, ging ich einkaufen und für eine andere putzte ich die Treppe. Ich war die älteste von vier Kindern und war oft verantwortlich bzw. wurde verantwortlich gemacht für das Verhalten meiner Geschwister. „Du solltest doch auf sie aufpassen – du hast gespielt und deshalb ist passiert –. Ich war also egoistisch und deshalb war es passiert. 

Ich glaube, ich habe nie gelernt, in mich selbst zu schauen, zu schauen was mir gut tut und entsprechend zu handeln. Ich war immer auf andere ausgerichtet.

Falsche Männer

Ich lebte mit einem Mann, der mit einem brutalem Vater groß geworden war, ich wollte ihm zeigen, dass es ein anderes Leben gibt. Ich glaubte seinem Versprechen: Ich werde nie wie mein Vater. Er schlug und trat mich, quälte mich psychisch, hielt mich für dumm. Trotzdem war ich 3 Jahre an seiner Seite und war für ihn da. Ein anderer Mann hatte ebenfalls eine schlechte Kindheit. Er setzte mich psychisch unter gehörigen Druck. Wieder tat ich alles was ich konnte für ihn. Doch dann ging ich, weil ich Angst hatte das es noch schlimmer wird und meine Eltern in doof fanden. Später lebte ich 15 Jahre mit einem Mann, der nie Liebe kennen gelernt hatte. Ich konnte für ihn Sorgen, in jeder Hinsicht. Ich war mehr seine Mutter, wie seine Frau, bis er eines Tages einfach verschwand. Ich stand da, mit zwei Kindern in der Pubertät, die mich gerade voll in Anspruch nahmen und mir Sorgen machten.

Mich fragte niemand, wie geht es dir. Ich stand da. Ich ging irgendwie weiter. 

Job und Leben

Egal wo ich dann in meinem Leben hin ging, verfolgte mich dann, das gut gelernte Verhaltensmuster, sei für andere da. Es gab immer Menschen, denen ich zuhörte, ihnen half, sie unterstützte, wo ich konnte. Ich übernahm Ämterwege, Kinderbeaufsichtigung, verschob meinen Dienst, meinen Urlaub, arbeitete länger, fuhr nach Feierabend noch mal los, half beim Einkauf und putzen – egal ich richtet mich ein. Hörte ihre Sorgen und Nöte und war in so manchem Problem einfach mitten drin. So manches Desaster nahm ich, im Kopf, mit nach Hause, dachte darüber nach und hatte schlaflose Nächte. Je mehr Menschen in meinem Arbeitsleben auftauchten, je mehr geriet ich in diese Spirale. Eigene Sorgen und Nöte, für die war keine Zeit.

In meinem Job bekam ich immer mehr soziale Projekte und immer mehr Arbeitsplätze wurden eingespart. Ich hatte 600 Ehrenamtliche zu betreuen und zu verwalten. Darüber hinaus leitete ich mehrere große Projekte, von der Planung, dem Konzept, der Umsetzung bis hin zu den Finanzen. Ich traf auf viele Menschen mit unterschiedlichsten Lebenswegen und Problemen. Für alle hatte ich Zeit. Für alle war ich da. Jeder Zeit auf Abruf. Es waren wundervolle Menschen, sie waren es wert und sie gaben mir auch viel zurück. Doch Tage an denen ich mit den Problemen anderer nicht zur Ruhe kam, Termindruck mich jagte, inhaltliche Themen in mir kreisten, nahmen drastisch zu. Tage an denen ich, meinen eigenen Problemen hilflos gegenüberstand, nahmen ebenfalls zu. Bossing und Mobbing wurden immer schlimmer, ich wurde ausgenutzt, benutzt und getreten. Es wurde zur Hölle, doch ich brauchte den Job und es gab keinen anderen. Ich war im Hamsterrad gefangen, arbeitete 60 Stunden in der Woche und war für alle und jeden da, nur für mich nicht.

Ich ging irgendwo unterwegs verloren. 

Mein Leben heute

Heute lebe ich, seit 6 Jahren, mit der Depression und bin inzwischen EU-Rentnerin. In der Therapie waren viele Stunden damit gefüllt, zu lernen in mich selbst zu schauen. Zu schauen wie es mir geht, zu schauen was ich möchte, zu schauen wohin mein Weg gehen soll und zu lernen Grenzen zu ziehen, das Wort NEIN zu lernen und anzuwenden. Das erste Mal im Leben wurde ich angehalten auf MICH SELBST zu schauen. Es war ein langer Weg, den ich heute noch gehe.

 

Noch immer gelingt es mir oft nicht, bei wichtigen Entscheidungen, wirklich auf mich selbst zu schauen, eine Entscheidung zu treffen, die MIR gut tut. Ich lerne immer noch, Entscheidungen nicht zu treffen, damit es meinem Mann gut tut, damit es meinem Mann oder den Kindern gefällt, weil ich denke das muss so sein oder weil es doch viele so machen. Noch immer muss ich sehr aufpassen, Sorgen und Nöte von anderen, z.B. in der Selbsthilfegruppe, nicht zu nah an mich heran zu lassen, sie mir selbst anzunehmen. Noch immer lasse ich mir schnell einreden, ich hätte einen Fehler gemacht, ich wäre nicht gut genug. Aber ich bin schon ein gutes Stück meines Weges vorangekommen.

Meine Erkenntnisse

Grenzen ziehen ist überall wichtig. Es gibt so viele Dinge im Leben, die rücksichtslos getan werden, weil es doch schon immer so war, weil es die Familie so möchte, weil es doch alle machen, weil es andere so wollen, weil "was werden sonst die Leute reden" oder der Arbeitgeber es verlangt.

 

Ich kann die Welt nicht retten und ich möchte sie auch nicht mehr retten.

 

Ich kann mein eigenes Leben retten. Wenn eine Entscheidung zu treffen ist, höre ich mir alles an, nehme mich zurück und treffe für mich eine Entscheidung. Natürlich spielen da auch andere Einflüsse eine Rolle, doch ich versuche ganz bei mir zu bleiben. Selbstverständlich mache ich dabei, immer noch, Fehler. Das darf sein

Ich trage keine Maske mehr und lasse mich auch nicht mehr verbiegen. Ich gehe meinen Weg und an meiner Seite sind Menschen die mir gut tun, für die ich wertvoll bin. 

 

Jetzt bin ich, in erster Linie, für mich selbst da. (Ich übe es)