Abschied. Ich bin angekommen in MEINEM Leben.

Angekommen, in MEINEM Leben

Gedanken und Worte, die ich nie ausgesprochen habe. Ich konnte meinen Eltern nicht erzählen wie ich mich fühlte, wie ich es erlebt habe, warum ich manches tat. Es hätte nichts verändert, sie hätte es nicht verstanden.  


Mein Leben lang habe ich versucht, euch gerecht zu werden.

Ihr habt mich erzogen.

Ja, ich bin ein ehrlicher, zielstrebiger, angepasster Mensch geworden.

Ich habe stets darauf geachtet wie es anderen geht, was sie tun und sagen.

Ich habe versucht es allen Recht zu machen, mein Leben lang.

Aber ist das alles was zählt? Nein!

Ich habe das wichtigste im Leben nicht beachtet – mich selbst.

Ich bin weit fort gegangen, aus eurem Kleinstadtidyll.

Weit weg, von der Totalüberwachung, dem Tratsch und Klatsch.

Alles was ich tat, ihr wusstet es, bevor zwei Tage vergangen waren.

 

Ihr wusstet immer was richtig und falsch war.

 

Wie sollte ich meinen ersten heimlichen Freud treffen, heimlich Karussell fahren, mich mit anderen streiten?

Irgendwer hörte oder sah es immer und erzählte es euch sofort.

Ihr wusstest immer wie ich zu handeln hatte.

Ich fügte mich meistens, um fürchterliche, sarkastische und abwertende Vorwürfe, Ohrfeigen oder Stubenarrest abzuwenden.

Ich habe nie gelernt euch gegenüber zu treten, mich selbst zu vertreten.

 

Ich heiratete und ging weit weg, in eine große Stadt.

Hier kannte nicht Jeder Jeden. Das war, was ich wollte.

Doch wusste ich, wie man lebt, für sich selbst Entscheidungen trifft?

Ich wurde geschlagen und ließ es zu. Ich kannte es ja nicht anders.

Ich wurde betrogen und ließ es zu. Ich hatte Angst verlassen zu werden.

Allein leben, in der fremden Stadt, schien für mich unmöglich.

Ihr habt nicht zu mir gestanden, mich nicht in den Arm genommen.

Nein, ich hörte: „du hast doch selbst Schuld, wenn er das tut“.

Mein Kind starb, für mich unerwartet.

Alles was ich hatte war nun tot. Tot.

Von meinem Selbstmordversuch habe ich euch nie erzählt.

Ich hatte Angst, vor euren abwertenden Worten.

Ich lebte weiter, weil kein Zug in dieser Nacht fuhr,

mein ungeborener Sohn wie wild um sich trat.

 

Eine Scheidung, ein weiterer Mann, ein weiteres Kind.

Wie kann ich nur? So einen Mann und dann noch ein Kind.

Eurer Unverständnis traf mich hart und mitten ins Herz.

Ich versuchte es mit einer neuen Ehe, aber Liebe und Glück fand ich nicht.

Trotzdem zog ich meine Kinder allein groß.

Ich hatte die Verantwortung für den Mann und die Kinder.

Ich ging arbeiten, verlor den Job, begann einen neuen Job.

15 Jahre lang versuchte ich, auf allen Ebenen, das Richtige zu tun.

Ich kämpfte, rannte, besorgte, lernte, arbeitete zu Hause und im Job.

Ich gab meinen Kindern, was ich konnte. Doch nicht genug.

Ich machte Fehler. Ich war für alle da, nur nicht für meine Kinder und mich.

Ich habe es nicht anders gewusst und gekonnt. Ich gab mein Bestes.

Dann stand ich da, von einem Tag auf den anderen.

Ein Scherbenhaufen war mein Leben. Wieder einmal.

Ihr hattet kein Mitleid, keine Sorge um mich, nur …. Worte.

 

Mit 45 Jahren nahm ich endlich mein Leben in die Hand.

Doch ich war in meinen Zwängen noch gefangen.

Existenzangst, Zukunftsangst, Angst um die Kinder, neuer Mann,

neue Probleme, Mobbing und Bossing im Job.

Und wieder machte ich Fehler.

Und wieder dachte ich nicht an mich, sah mich nicht.

 

Doch eines Tages, mit 50 Jahren, brach mein eigenes Ich zusammen.

Ich war am Ende all meiner Kräfte, all meiner Wünsche und Träume.

Ich war in der Klinik, 16 Wochen lang, kein Anruf von euch. Nichts.

Das Telefon blieb still, weil ich nicht anrief.

Kein Anruf, keine Nachfrage – wie geht es dir.

Ihr habt niemandem erzählt, dass ich an Depressionen leide.

Nein, das war ja keine Krankheit, das war euch unangenehm.

„Du musst nur richtig wollen ..., wenn du es wirklich willst ...“.

Ihr habt euch nie für die Krankheit interessiert, versucht sie zu verstehen.

Nein, ich war nur die älteste Tochter, die nicht klar kam im Leben.

Eure klugen Ratschläge konnte ich nicht mehr ertragen.

Wie geht es Michael.., pass auf dass Michael nicht weg läuft …, achte auf deinen Mann …!

Ich konnte es nicht mehr aushalten.

Keine Frage: Wie geht es dir? Wie schaffst du es? Wie fühlst du dich?

 

Ich konnte und wollte es nicht mehr hören und fühlen. Es musste Schluss sein!

Es war die Zeit gekommen, an mich selbst zu denken und zu glauben.

Ein langer Weg und er ist noch nicht beendet.

Ich gehe diesen Weg, für mich selbst, Schritt für Schritt.

Ich habe einen Mann an meiner Seite, der mich liebt, so wie ich bin.

Der mir sagt, ich wäre besonders und wertvoll.

Ich bin angekommen in meinem Leben und lerne es zu leben.