Schuldgefühle - Meine Fessel der Vergangenheit! Nach einem Text von Tanja Grundmann.

Was sind Schuldgefühle? Was machen sie mit mir?

Als ich diesen Text las, wurde mir sehr klar, was mein Leben bisher bestimmt hat. In vielen Dingen erkannte ich meine Als eigenen Sichtweisen und Denkstrukturen. Ich habe diesen Text verändert, auf mich selbst bezogen. Damit habe ich ihn aber nicht entstellt, verdreht oder der Wahrheit und Richtigkeit entzogen. Ursprüngliche, nicht auf mich/ich gestellte, Texte sind Kursiv.

 

Schuldgefühle bilden sich aus einem meist halbbewusst empfundenen Mangel an natürlicher Existenzberechtigung aufgrund der Idee eines persönlichen Versagthabens. Sie äußern sich in sehr unterschiedlicher Weise. Sind sie vorhanden, was besonders bei traumatisierten und früh ungeliebten Menschen der Fall ist, durchziehen sie wie ein feines Gewebe alle Bereiche unseres Seins und halten jedes Wachstum, jede Heilung, jedes Erblühen von Potentialen von uns fern.

Schuldgefühle zeigen sich in durchlaufenden Denkfiguren – mehr oder weniger bewusst – wie:

 

Meine Denkfiguren im Leben waren:

  • Ich muss kämpfen, damit ich halbwegs klar komme
  • Ich bin nicht genug
  • Das Gute und Schöne ist für alle, aber irgendwie nie für mich
  • Ich muss um mein Wohlbefinden kämpfen
  • Ich bin schuld, dass…
  • Ich fühle mich nicht anerkannt/nicht wahrgenommen
  • Ich kann mich nicht entspannen oder immer nur kurz
  • Ich muss mehr geben und leisten, als ich eigentlich kann
  • Ich darf nicht wirklich glücklich sein
  • Ich muss die Last anderer tragen, damit ich eine Existenzberechtigung habe
  • Ich bin immer schuld
  • Ich muss beweisen, dass ich liebenswert bin
  • Ich muss etwas dafür tun, damit mein Partner bei mir bleibt
  • Ich muss alles richtig machen
  • Ich darf keine Fehler machen
  • Ich weiß zwar nicht, was ich falsch gemacht habe, aber irgendwie muss es ja an mir liegen
  • Wenn ich ein wertvollerer Mensch wäre, wäre meine Familie/wären meine Eltern besser mit mir umgegangen.

Nur eine einzige der genannten Denkfiguren reicht aus, um auf das Vorhandensein von Schuldgefühlen hinzudeuten. Menschen mit starken Schuldgefühlen verstecken viel von sich vor anderen und neigen dazu, viel Projektionsfläche für die unterdrückte Negativität anderer, bereitzustellen. Kurz: sie tragen die Last anderer, nehmen Verantwortung und „Schuld“ anderer auf sich und werden dann noch oft schuldig gesprochen.

 

Woher kommen Schuldgefühle?

 

Ich komme aus einer Familie, in der ich mich wie ein Fremdkörper gefühlt haben, in der ich irgendwie „anders“ als die anderen Familienmitglieder war. Ich habe mich emotional aus dem schützenden Raum der Familie ausgeschlossen gefühlt, ich bin da gewesen – mehr nicht.

Ich habe mich meine Leben lang bemüht, in den „Schoss“ der Familie aufgenommen zu werden, was nie geschah und so glaube ich nicht einmal wahrgenommen wurde.

Ich habe nie Anerkennung für jedwede Leistung erlebt, ich wurde was eben aus mir wurde, ich habe keine Wortes des Trostes erfahren und Liebe nie gefühlt. Mein Dasein wurde immer dann wahrgenommen, wenn ich meine Haushaltsaufgaben zu erledigen hatte oder die Verantwortung für meine Geschwister übernehmen musste. Die Familie verweigert mir ihre Funktion als Resonanzraum für seine Inhalte und Selbsterfahrung.

Ich hatte all die vielen Jahre kaum eine Chance, diese Last loszuwerden. Ich trug sie mein ganzes Leben, bis zu meinem Zusammenbruch, bis heute.

 

Die Last besteht aus Annahmen, Überzeugungen und Denkkonventionen, Dingen, die nicht sind, weil sie nicht sein dürfen, aus nicht erlösten Schuldgefühlen und Konflikten der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. 

 

Wie wirkten sich die Schuldgefühle in meinem Leben aus?

 

Eine der vielen Folgen von Schuldgefühlen ist, dass ich die eigenen Grenzen nicht wahrnehmen kann.

 

Wenn man in einer Familie die unausgesprochene Aufgabe hat, einen Teil der Last der anderen zu tragen, geht das nur, wenn man sich selbst nicht richtig wahrnehmen kann. Wenn ein Mensch seine Grenzen spürt, kann man ihn nicht instrumentalisieren.

 

Somit hatte ich auch noch das Problem, dass ich nicht wusste, wann ich begann meine eigenen Grenzen zu überschreiten. Folglich überschritten auch andere, diese nicht wahrgenommenen Grenzen. Das hat sich sehr schmerzhaft in meinen Partnerschaften, aber auch im Arbeitsverhältnis ausgewirkt.

 

Aber nicht nur das: ohne das Gefühl einer natürlichen Daseinsberechtigung, war meine Aufmerksamkeit immer im Außen bei den anderen, aufgrund des Bestrebens, allen gerecht werden zu müssen, um nicht ganz unterzugehen. Das verhinderte, dass ich mit mir, meinen Wünschen, Bestrebungen und Begabungen nicht im Kontakt war.

 

Früher hat die Familie unter diesen Voraussetzungen volle Leistung verlangt; später habe ich es dann selbst getan. Ich wurde chronisch unzufrieden mit mir. Ich war mir selbst nie gut genug, hatte beständig das Gefühl es anderen nicht recht machen zu können und hatte oft ein ein „schlechtes Gewissen“. So habe ich meinen Perfektionismus entwickelt und gelebt.

 

Der unbewusste Versuch, die Schuldgefühle und die Last, nicht zu genügen, loszuwerden, zieht sich wie ein feines Gewebe durch alle noch so kleinen und großen Entscheidungen, Haltungen und Befindlichkeiten. Fatalerweise produziert man genau so, neue Schuldgefühle, die man dann wieder loswerden muss.

Zudem gibt es eine fatale, meist unbewusste, Verknüpfung, die man nicht los wird. Sie lautet:

„Wenn ich schuldig bin, gehöre ich bestraft.“ Die Schuldgefühle können heilen und damit das Bestrafungsbestreben. Nicht aber die Verknüpfung selbst. Solange man nämlich unter Schuldgefühlen leidet, lebt man mit Idee der Bestrafungnotwendigkeit.

Schuldgefühle ziehen also ein Selbstbestrafungssystem nach sich.

 

Dieses Bestrafungssystem hat sich beim mir durch folgende Erscheinungen ausgedrückt:

  • überzogene Selbstkritik
  • überzogene Strenge gegenüber gegen mir selbst und auch anderen (Kindern)
  • Pedanterie
  • Anklage und Vorwurf gegen mich selbst
  • die Wahl empathiefreier Partner und infolge
  • schmerzhafte, schwierige Beziehungen
  • mitgefühlsarme, autoritäre Chefin
  • ⁃ Mobbing & Sündenbockdasein
  • mich immer wieder bis an die Erschöpfungsgrenze verausgaben
  • ich ignorierte mich selbst
  • Selbsthass

In diesen Erfahrungen, Haltungen und Grundstrukturen drücken sich Schuldgefühle und Selbstbestrafung aus.

 

Und hier kommt die Vergangenheit immer wieder ins Spiel: in der überzogenen Selbstkritik fühlst Du Dich unterschwellig wieder so, wie in frühen Jahren. In der Pedanterie erzeugst Du selbst den gleichen Druck, den Du vielleicht gespürt hast, wenn es der Familie recht gemacht werden musste und zwar ohne „Fehler“. Die Not, wenn Du als kleines Mädchen das Herz Deiner Mutter nicht hast erreichen können, wiederholt sich in Beziehungen, in denen der Partner kalt und hartherzig reagiert und Dich seelisch und körperlich quält.

 

So halten mich meine Schuldgefühle in den alten Erfahrungen fest.

 

Ich möchte meine Schuldgefühle loswerden. Ich bin schon auf dem Weg. Ich habe und lerne immer noch meine Grenzen zu wahrzunehmen, zu erkennen und einzuhalten. Ich will meine Schuldgefühle erkennen und ihre Entstehung begreifen. Mich selbst, immer besser wahrnehmen.

Lernen, dass es keine „Wahrheit“ hinter Schuldgefühlen gibt. Ich habe sie nicht deshalb, weil ich tatsächlich nicht genügt, oder etwas „Schlimmes“ gemacht habe, oder objektiv gesehen, keine Fehler machen darf, sondern ich habe sie, weil jemand anderes mich verletzt und misshandelt hat.

 

Ich glaube meine Schuldgefühle sind, in kleinen Schritten, auf dem Weg der Ausheilung. Ich habe schon einiges erleben können, was diesen Eindruck bestärkt.

 

Ein Leben ohne Schuldgefühle – das möchte ich erleben

 

Du wirst deine natürlichen Grenzen wahrnehmen, so dass sie auch von anderen nicht mehr überschritten werden. Entlang deiner natürlichen Grenzen kannst du genauer sehen was du wirklich willst und wo du hingehen willst und musst. Du wirst deine Bedürfnisse wahrnehmen und deine Grenzen werden es dir nicht erlauben, sie nicht zu stillen.

 

Du wirst Dich selbst lieben und respektieren; infolge werden es auch die anderen tun.

Deine natürliche Grundethik wird sich als Leitfaden deutlicher zeigen; Du wirst moralisch integerer denken, fühlen und handeln. Du wirst echte Empathie erleben, ein gutes Herz hast Du jetzt schon, aber Du hast es oft verraten müssen. Das hört auf.

 

Du wirst das tun, was Du am besten kannst und am meisten magst; die Quelle Deines Potentials, Deiner Kreativität und Deiner Kraft ist für Dich nun zugänglich und immer verfügbar.

Du wirst Dich vom Leben geliebter, angenommener und getragener fühlen, wenn Du nicht mehr unbewusst um Deine Daseinsberechtigung kämpfen musst. Du wirst zum ersten mal erfahren, was Vertrauen bedeutet.

 

Man wird Dir keine Energie mehr „rauben“ können.

Du wirst nicht mehr emotional reagieren müssen.

Der Terror von Schuldzuweisungen, Verurteilungen in alle Richtungen und jedwede Art von Selbstzerfleischung hören auf.

 

Wenn Schuldgefühle nicht mehr vorhanden sind, enden die „Themen“. Das ständige Reproduzieren alter Traumata, die immer gleichen Wiederholungen der alten Muster enden. Und somit endet auch die oft Jahre-und jahrzehntelange Erforschung der Biographie.

 

Wenn Schuldgefühle enden, endet die schmerzvolle Verbindung zu der eigenen Vergangenheit; wird Vergebung in alle Richtungen überflüssig, denn es gibt nichts mehr zu vergeben und verzeihen. Du bist viel glücklicher.

 

Echte, tiefe Empathie und eine integere Ethik können nur ohne Schuldgefühle existieren und: nur wenn Du Deine Grenzen spürst, kannst Du frei sein.