Fesseln der Vergangenheit, sie bestimmen mein Leben. Noch! Langsam löse ich die Fesseln auf, eine nach der anderen.

Fesseln der Vergangenheit oder mein Leben mit Schuldgefühlen

Die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen, egal wie intensiv ich es bereue.

Es ist geschehen, nicht mehr veränderbar. Ich kann daraus lernen. Aus heutiger Sicht, weiß ich warum vieles so war, so manches vorhersehbar war und das ich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe. Heute würde ich viele Dinge nicht mehr tun und mich anders verhalten.

 

Jeder kennt die Begriffe Schuld und Schuldgefühle. Ich habe mich damit auseinander gesetzt.

Dabei habe ich entdeckt, dass ich mein Leben lang Schuldgefühle hatte und sie entscheidenden Einfluss darauf hatten, wie es mir erging. Meine Schuldgefühle waren ein mächtiger Hammer, der mich kontrollierte und manipulierte. Sätze wie: „mach das so oder ...“ „Wenn du das machst, dann kenne ich dich nicht mehr“. Tue das, was wir dir sagen, wenn nicht dann... haben meine Kindheit, Jugend – mein Leben bestimmt. Es ist ein ganz gemeines Spiel von Menschen, die Kontrolle über andere Menschen ausüben wollen. Ich lasse mich von niemandem mehr, dafür verdammen.

 

Ich habe mir professionelle Hilfe gesucht. Auf diese Weise kann ich darüber sprechen, meine Traumata verarbeiten, mein Herz erleichtern und neue Erkenntnisse und Gedanken erfahren. Ich lerne, mit mir selbst, Nachsicht zu üben. Ja, Nachsicht. Zu der Zeit habe ich, entsprechend meinen Möglichkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen, gehandelt. Mein Mangel an Selbstwertgefühl, mein Bedürfnis nach Liebe und Selbstbestätigung war sehr hoch, meine Schuldgefühle beherrschten mein Leben und ich befand mich oft in schwierigen Lebenslagen. Heute leide ich an Depressionen und Traumata. Heute bin ich klüger, habe mich weiterentwickelt und betrachte viele Dinge anders und werde weiterhin dazu lernen.

 

Bei meinen Recherchen zum Thema Schuldgefühle, habe ich Worte von Dr. Eva Wlodarek (www.brigitte.de/liebe/.../schuldgefuehle--verzeihen-sie-sich--10097764.html) gefunden, die mir eine, mir noch unbekannte, Erkenntnis gab. „... Schließlich geht die Welt nicht unter, nur weil Sie sich falsch verhalten haben. … Betroffene haben durchaus die Chance, ihrem Leben selbst eine positive Wende zu geben. Lassen Sie sich deshalb auch nicht dauerhaft zum Sündenbock machen. Wut, Rachegefühle und Trauer sind eine Zeit lang verständlich. Wer Sie jedoch wegen eines Fehltritts bis ans Ende Ihrer Tage büßen lässt, will vor allem Macht über Sie ausüben. Verweigern Sie sich diesem Spiel.“

 

Heute weiß ich, dass ich auf Grund meiner diversen Schuldgefühle, den Menschen, der ich wirklich bin, immer versteckt habe. Es war keine Zeit für ihn da. Ich habe viele Lasten getragen, jede Verantwortung übernommen und mein Bestes gegeben. Trotzdem wurde ich immer wieder schuldig gesprochen, es war nie gut genug, es hat mich nie in den Schoss meiner Familie gebracht, es hat mir nie dankende oder wertschätzende Worte meiner Eltern gebracht und im Arbeitsverhältnis wurde ich benutzt, ausgebeutet und gemobbt. Wie ein roter Faden, zogen sich die Konsequenzen meiner Schuldgefühle, durch mein Leben. Ich hatte nie gelernt auf mich selbst zu achten, mich selbst zu sehen, meine Bedürfnisse zu wahrzunehmen und vor allem nicht, mir selbst etwas Gutes zu tun. Ich stand beständig unter Druck. Unter dem Druck, perfekt zu sein, keine Fehler zu machen und es allen um mich herum Recht zu machen. Das konnte nur daneben gehen.

 

Kein Mensch ist fehlerfrei. Es gibt keine Gebrauchsanleitung für das Leben, keine für die Kindererziehung und keine für sich selbst. Das Leben, die Partnerschaften, die Kindererziehung alles basiert auf meinen eigenen Erfahrungen, daraus resultierenden Denkmustern, deinen Kenntnissen und deinem Wissen. Selbst im Arbeitsalltag war ich aus diesen Gründen sicherlich eine gute Plattform für völlige Ausnutzung, für Missbrauch und für Mobbing/Bossing. Das ist mir, nach meinen Recherchen, sehr klar geworden. Einem Menschen mit Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, der fest im seinem Leben steht, passiert so etwas sicherlich nicht.

 

Ich wollte in der Kindererziehung vieles besser machen. Einiges, von dem was ich erlebt habe, haben meine Kinder nicht erlebt. Doch zwangsläufig wiederholte ich auch Fehler meiner Eltern und es kamen neue Fehler hinzu, die meinen Denkmustern geschuldet waren.

Ich wurde chronisch unzufrieden mit mir. Ich bin mir selbst nie gut genug, habe beständig das Gefühl es anderen nicht recht machen zu können und habe oft ein ein „schlechtes Gewissen“. Bestätigung dieser Denkweisen fand ich ja fast jeden Tag, auf der Arbeit, in der Beziehung, von meinen Kindern, von meinen Eltern.

Als ich nach 15 Jahren Ehe, wieder einmal, einfach weggeschmissen wurde, nahm ich mir vor endlich anders zu leben. Mir Zeit zu nehmen für mich selbst. Doch es war zu spät. Auf den alten Gleisen, war mein Leben so eingefahren, dass ich allein nicht heraus fand. Ich hatte keine Kraft dafür. Mobbing und Bossing, sowie Arbeitsaufgaben wurden immer mehr und mehr. Da ich den Kopf unten hatte, lud ich alle ein, mir noch eins drauf zu geben, was dann auch geschah.

Ich ackerte an allen Fronten, ich hatte die Verantwortung, ich hatte Angst vor dem versagen, Existenzangst, ich verlor mich selbst und hatte niemanden, der an meiner Seite stand, mich unterstützte und mir Halt gab.

 

Doch dann war alles vorbei. Ich brach zusammen und nichts, wirklich nichts ging mehr. Ich begann meinen Weg über Kliniken und mit Therapien zu gehen. Seit 2011 gehe ich nun Schritt für Schritt in mein neues, wirkliches Leben.

 

Ich weiß heute nicht, wie ich alle meine Erfahrungen, all meine Tiefschläge und Niederschläge überlebt habe. Egal. Ich habe überlebt.

Ich habe überlebt, um die Fesseln der Vergangenheit zu bearbeiten, zu verarbeiten und loszulassen. Ich habe überlebt, um endlich ICH sein zu können. Ich habe Menschen, die mir nicht gut tun losgelassen. Mein Leben ist sehr begrenzt und ich lasse nur noch sehr wenige Menschen hinein. Aber ich lebe und lerne jeden Tag mehr zu leben. Ganz neu zu leben. Mich selbst neu zu erleben. Ich habe gelernt und lerne noch, mich anzunehmen wie ich bin und zu verstehen, dass ich gut bin, wie ich bin.

 

In der Traumaklinik haben mir, in den Tagen meines Abschieds, viele Menschen gezeigt und gesagt, dass ich ein wertvoller und gefühlvoller Mensch bin. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich erfahren, gefühlt und gesehen, dass Menschen MICH für wertvoll hielten. Ich hätte in meinem Leben nie geglaubt, dass Menschen weinen, weil ich gehe, für mich so viele positive und wertschätzende Worte finden. Ich war nie richtig in der Gruppe, hatte nur hier und da mal Kontakt zu dem einen oder anderen. Doch alles was ich gesagt oder getan hatte, hat diesen Menschen gut getan. Ich habe mich nicht verbogen, ich war so wie ich bin, zu mehr hatte ich gar nicht die Kraft. Und doch hatte ich diesen Menschen gut getan, auf die eine oder andere Weise.

Ja, ich habe verstanden. Ich bin ein wertvoller und gefühlvoller Mensch, auch wenn ich es selbst nicht fühlen kann. Ich habe mein wertvolles Buch der Gefühle verlegt und bin auf der Suche. Und trotzdem haben mich Menschen gefühlvoll, warmherzig genannt. Ich habe ihnen nur gegeben, was ich selbst, in der Situation gebraucht hätte, mehr nicht. Auch wenn ich es nicht selbst fühlen konnte, hat es den Menschen aber gegeben, was sie brauchten. Darauf bin ich sehr stolz.

 

Diese Erfahrung, diese Erlebnis hat eine Fessel der Vergangenheit gelöst. Eine wichtige Fessel, die Fessel „Ich bin nicht gut genug, nichts wert“. Ich denke, ich werde noch viele Fesseln lösen müssen, Schritt für Schritt, bis ich endlich leben kann, wie es mir gefällt und gut tut.

Ein Glück, bin ich jetzt nicht mehr allein auf diesem Weg. Ich habe einen Mann, der zu mir steht, mir Halt und Liebe gibt, mich nimmt wie ich bin und mir einfach mal so sagt: du bist ein wertvoller Mensch. Ja, bin ich. Ich liebe dich Michael, von ganzem Herzen, genau so wie du bist!

 

Heike Pfennig

25.01.2017