Was bleibt? Es ist wie es ist! Erinnerungen, Verletzungen und Demütigungen. Der Wille neue und freie Wege zu erkennen und zu gehen.

Was bleibt? Erinnerung und neue, freie Wege!

Ja, das ist sie wieder. Die Depression, die mir meine Gedanken vernebelt, sie nicht ruhen lässt, die Zweifel an mir selbst hervor holt, neu Gelerntes verblassen lässt, mich in mein Schneckenhaus kriechen lässt, mir das einfachste Leben schwer macht.

Wollte ich zu viel? Wollte ich zu hoch fliegen? Ich kann die Fragen nicht beantworten. Ja, vielleicht war das alles, einfach nur zu viel.

 

Es ist wie es ist! 

 

Vier Wochen habe ich mich strikt an meine Tagesstruktur und die Bewältigung meiner Alltagsaufgaben gehalten. Trotz schlechter Nachrichten, habe ich es geschafft, weiter zu gehen. Ich habe zwei Wochen der Leichtigkeit meines Lebens erleben dürfen. Erst die Tatsache, dass mich meine Geschwister, von der Beerdigung meiner Mutter ausgeschlossen haben, brachte mich aus dem Gleichgewicht. Oder war es die Therapiestunde? Oder war mein Aktivitätenpaket (die schlechte Nachricht, ein Wochenende bei den Enkeln, Montag Wege erledigen in der Altstadt, Dienstag Therapie und am Abend für 2 Tage die 3 Enkel zu Besuch) einfach zu viel des Guten?

Ich weiß es nicht.

 

Dienstag, nach vier Wochen Ruhepause, hatte ich meine erste ambulante Trauma – Therapiestunde, in der Traumaklinik. Ich habe viele Patienten getroffen, die noch in der Klinik waren und mich herzlichst umarmt haben. In der Therapiestunde waren all die unschönen Nachrichten Thema. Insbesondere die Nachricht vom Tod, von meinem Umgang damit, wie meine Brüder reagiert haben und die Situation meines Sohnes. Ich habe die Stunde ohne Dissoziationen bewältigt und fuhr, mit gutem Gefühl, nach Hause.

 

Dann aber, brach es aus mir heraus. Unvorbereitet und hart. Mit einem Schlag, konnte ich die fröhlichen Stimmen meiner Enkelkinder nicht mehr ertragen. Sie schlugen wie Pfeile in mein Gehirn. Ich saß auf dem Balkon und ich wusste nicht wohin mit mir, was ich tun sollte, wie ich es aushalten sollte, dieses klirrende, zerrende Surren in den Nerven. Mir waren alle Menschen, um mich herum, zu viel. Es kam eine sehr heftige Dissoziation, deren Ausmaß mir heute noch Angst macht. Danach ging einfach nichts mehr. Ich versank im grauen, lähmenden und saugenden Depressionssumpf.

 

Ich denke, ich bin noch nicht stabil genug, um emotionale Tiefschläge wirklich zu verkraften. Ich hatte all die schlechten Nachrichten und Emotionen nicht wirklich angenommen und diese, wie immer in meinem Leben, in eine Schublade abgelegt, um zu überleben. Mein Kopf hat im Schutzmechanismus reagiert. Doch dieser, ist in der Therapiestunde aufgebrochen. Insbesondere beschäftigt mich das Verhalten meiner Geschwister. Sie teilten mir mit, das unsere Mutter gestorben ist, aber wann die Beerdigung stattfand, erfuhr ich nicht. Es ist etwas anderes, zu wissen, dass ich nie wirklich zu meiner Familie dazu gehört habe, als es, in so einem Moment der Trauer, zum wiederholten Mal, bewusst zu erleben. Sich darüber im Klaren zu sein, dass selbst der Tod meiner Mutter, diese Situation nicht verändert hat.

 

Ich habe genau dieses Gefühl nicht mehr gewollt, dieses Nicht-dazu-gehören – Gefühl. Ich wollte nie wieder diese Minderwertigkeitsgefühle, diesen ständigen Druck nicht gut genug zu sein, diese Verständnislosigkeit – ich konnte nicht mehr. So hüllte ich mich ein Jahr in Schweigen. Ich rief einfach nicht mehr an und ich wurde nicht angerufen. Es war besser, für mich, los zu lassen. Daran hat sich nichts geändert. Es hat sich verändert, dass meine Mutter nicht mehr da ist. Ich habe sie geliebt und die Nachricht von ihrem Tot, hat mir sehr weh getan. Was aber gibt meinen Geschwistern das Recht, mir den Termin der Beerdigung, nicht mitzuteilen? Mich, über meinen Kopf weg, von der Beerdigung auszuschließen? Nichts.

 

Es wird Zeit für mich endlich los zu lassen. Wirklich los zu lassen. Ich habe nie vermocht gut genug, für meine Familie, zu sein. Ich habe nie wirklich dazu gehört. Daran ändert sich nichts, auch wenn meine Eltern nun tot sind. Es hätte sich auch nicht geändert, wenn ich die Möglichkeit der Beerdigung gehabt hätte. Meine Eltern sind auf der anderen Seite des Regenbogens. Das sollte für mich eine Erleichterung sein. Es hat nun endlich ein Ende. Es ist niemand mehr da, für den ich mich verbiegen muss. Es ist niemand mehr da, den ich wirklich liebe. Es ist niemand mehr da, der mir sagt was ich tun soll, was gut für mich ist. Es ist niemand mehr da, der mich belächelt, beschämt, sarkastisch spottet oder verständnislos den Kopf schüttelt. Es ist niemand mehr da, den ich bitten kann, mich endlich zu lieben oder einfach nur einmal in den Arm zu nehmen. Meine Eltern sind tot, sie können es nicht mehr. Ich kann also aufhören zu betteln, um etwas, was sie nie in der Lage waren zu geben, mich zu lieben. Sie waren meine Eltern. Ich habe sie geliebt, trotz alledem.

 

Und doch hat diese Nachrichtverweigerung meiner Brüder alle meine Gefühle, meine Zweifel und Verletzungen hervor geholt. Unvorbereitet und mit voller Wucht.

Es ist doch deine Familie. Es ist deine Mutter. Wie kannst du nur. Warum hast du nicht mehr telefoniert? Warum hast du nicht mehr mit ihr gesprochen? Warum hast du mit ihr gebrochen, so etwas tut ein gutes Kind nicht? Warum, warum, warum... Fragen, die mein schlechtes Gewissen, meine Schuldgefühle mir stellen.

 

Es sind die falschen Fragen. Egal was ich getan hätte, es hätte nichts geändert, an meiner Situation in der Familie. Es war wie es war! Es ist wie es ist! Ich habe es so oft in Therapiestunden besprochen. Das Ergebnis ist immer das Selbe. Ich, für mich selbst, für mich als Mensch, für mich um zu leben, war es die richtige Entscheidung! Ja, es waren meine Eltern, mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister. Aus diesem Grund muss ich jedoch nicht alles hinnehmen. Ich habe mein Leben und das kann nur ich leben. Es passt nur zu mir und kann nicht so sein, wie es für meine Familie richtig erscheint.

 

Ich habe es Jahrzehnte versucht und bin gescheitert, in den Augen meiner Familie. Doch bin ich wirklich gescheitert? Nein! Ja, ich habe Depressionen! Die Depression hat mir unmissverständlich gezeigt, dass mein Leben, so nicht weiter gehen kann. Das in meinem Leben etwas falsch läuft. Durch die Depression bzw. die Therapie habe ich mich völlig neu kennen gelernt. Sie zeigt mir, dass in mir ein Mensch ist, der jetzt heraus möchte, der endlich leben möchte, endlich angenommen werden möchte. So ist es! So soll es sein – werden!

 

Ich will das nicht mehr.

Ich habe die Nase voll, von Menschen, die sich erheben und vorgeben zu wissen, was ich zu tun habe oder auch nicht, die beurteilen wie ich bin oder eben auch nicht. Von Menschen, die mir immer wieder das Gefühl der Wertlosigkeit vermitteln. Ich will nicht mehr, so sein wie andere (meine Eltern, Brüder) mich haben wollen. Ich habe ein Recht darauf, so zu sein wie ich bin!

Ich bin gut so, wie ich bin. Das zeigt mir Michael jeden Tag und auch seine Kinder vermitteln mir dieses Gefühl. Meine Freunde sagen es mir immer wieder und auch die Menschen in der Traumaklinik haben mir es unmissverständlich gesagt.

 

Ich habe mein Leben lang einen sinnlosen Kampf geführt. Ich habe alles versucht, habe mich selbst dabei verloren und verleugnet. Jetzt ist er zu Ende. Meine Mutter (auch mein Vater) lebt nicht mehr. Die letzte dünne Verbindung zu meiner Herkunftsfamilie ist zerrissen.

 

 

Ich habe jetzt Menschen um mich herum, die mir gut tun, die mich lieben wie ich bin. Mit ihnen möchte ich leben. Das ist meine Familie.

Das ist alles was ich brauche! Das ist unermesslicher Reichtum in meinem Leben!

 

Ich werde immer weiter kämpfen und lernen, meine neuen freien Wege zu gehen. Ich gehe gemeinsam mit Menschen, die mich nehmen wie ich bin!

 

Das ist so! So soll es sein!

 

02.02.2017

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