Erinnere DICH und ich beschreibe dir wie MEINE Depression geht. Mein Versuch, mein Leben mit der Depression, möglichst einfach, zu erklären.

Erinnere DICH und ich erkläre dir, wie - MEIN Leben mit der Depression geht.

Gestern, sagte Michaels Tochter zu mir: „ich weiß was Depression ist, theoretisch. Aber durch deine Texte, kann ich es wesentlich besser verstehen.“ Es tat mir gut ihre Worte zu hören.

 

Nun möchte ich versuchen, so einfach wie möglich, meine Depression zu erklären, um es für gesunde Menschen nachvollziehbarer zu machen. Ich schreibe sehr bewusst, nachvollziehbar, denn ich glaube, gesunde Menschen können nicht wirklich verstehen, wie es sich mit Depressionen lebt. Was sie aber können!!! ist, es in etwa nachzuvollziehen, an Hand eigener Erfahrungen. Sie können respektieren und akzeptieren, dass es in dieser Krankheit so ist. Sie können sich Kenntnisse über die Krankheit erwerben. Sie können wissen, dass wir Menschen mit Depressionen, wie viele andere auch, behindert/beeinträchtigt sind. Sie können respektieren, dass wir unsere ganze Kraft und unseren ganzen Willen einsetzen um unsere Tage zu bestehen, zu leben und zu lernen wie wir mit der Krankheit umgehen, in der Hoffnung, sie irgendwann besiegen zu können. Das ist was uns treibt, die Hoffnung. 

Wir sind weder faul, noch lebensfremd, noch dumm oder unwillig. Wir sind Menschen, die jeden Tag, mit sich selbst und ihren Alltagsaufgaben kämpfen, so gut wir können. Wir sind Menschen wie du und ich, die du lieb haben kann, mit denen man sich unterhalten, Meinungen austauschen kann, die Vertrauen und Wertschätzung brauchen, die lachen können, die mit dir spielen können und so vieles mehr. Und ja, wir brauchen auch Hilfe, wir brauchen Halt, wir brauchen Verständnis und ehrliches Mitgefühl, wir brauchen Interesse und Akzeptanz. Aber wer, in Gottes Namen, braucht das nicht?

Nimm uns als Mensch einfach an, so wie wir sind, das bitte ich dich. Mehr braucht es nicht.

 

Alle Menschen gehen ihren Weg durch das Leben, durch Höhen und Tiefen. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen lehren sie, ganz natürlich, dabei. Sie verlieren aber nicht die Freude am Leben und die Leichtigkeit des Lebens. Die Depression bringt genau diese Dinge aus dem Gleichgewicht. Ich möchte dir nun, an Hand deiner Erinnerungen und Erfahrungen, MEIN Leben mit der Depression erklären, so gut ich es kann.

 

Du warst sicherlich schon einmal krank, erkältet. Du bist am Morgen erwacht und fühltest dich so unendlich müde und schlapp. Nur mit Mühe bist du aus dem Bett gekommen. Du hast dich irgendwie an den Tisch gesetzt und ohne Appetit ein klein wenig gegessen. Deine Gedanken kreisten nur um dein Bett. Du hattest das starke Bedürfnis, dich wieder zu verkriechen, zu schlafen und deine Ruhe zu haben.

Und nun stell dir vor, du wachst jeden Morgen so auf.

 

Erinnere dich weiter an diese Tage. Du legst dich wieder schlafen und irgendwann wirst du wach, aber fühlst dich immer noch zerschlagen und zu nichts in der Lage. Du rettest dich auf das Sofa. Dort verbringst du irgendwie den Tag, mit nichts sinnvollem, eben einfach so, weil du keine Kraft und keinerlei Antrieb hast. Dir ist egal, wie es in deiner Wohnung heute aussieht, morgen ist ja auch noch ein Tag und dann wird es besser sein.

Und nun stell dir vor, das ist viele Tage in der Woche, im Monat, im Jahr so und du hast die nicht die Gewissheit, dass es besser wird.

 

Du bist sicher auch schon einmal krank geworden, so von einer Stunde auf die andere. Eben warst du noch fröhlich und voll Tatendrang und dann mit einem Mal warst du schlapp, dein Kopf war ein Irgendwas und du warst mit deinem Tun völlig überfordert, eben krank.

Nun stell dir vor, das passiert dir, an vielen Tagen, in vielen alltäglichen Situationen, bei Freunden, bei Familientreffen … Es passiert dir, immer und immer wieder.

 

Erinnere dich an deine Prüfungen. Sicher haben sich dich sehr beansprucht und Tage zuvor warst du aufgeregt, hast dir Gedanken gemacht ob du es schaffst, hast Angst gehabt zu versagen, hast gedacht, du hast dich nicht gut genug vorbereitet ...

Und nun stell dir vor, diese Angst, diese Gedankenstrudel begleiten dich Tage, Nächte, Tage und holen alle deine Unzulänglichkeiten, deine Fehler und Ängste hervor. Stell dir vor es ergeht dir so, bei den aller kleinsten Herausforderungen des Alltags. Du malst dir ständig in Gedanken aus, wie es sein wird, fragst dich ob du es schaffen wirst, was die anderen von dir denken ….

 

Erinnere dich, du warst sicher schon einmal richtig geschafft vom Tag und wolltest nichts mehr hören, sehen und sagen. Du warst nur müde und kaputt. Du warst einfach nur froh, in dein Bett zu können, dass der Tag vorbei war.

Und nun stell dir vor, es geht dir viele Tage so und das schon vom Tagesbeginn an.

 

Erinnere dich, du hattest sicher schon einmal ein Problem. Ein Problem, dass über dir zusammenbrach. Du hast dich in Gedankenstrudeln gedreht, deine Fehler, dein Verhalten, deine Gefühle auch Schuldgefühle, deinen Selbstwert angezweifelt, hast dich allein gelassen gefühlt und keinen Ausweg gefunden. Doch irgendwann hattest du die Lösung und konntest das Problem lösen und vergessen. Nun stell dir vor, diese Gedankenstrudel begleiten dich über Tage, Wochen …. obwohl die Probleme gelöst oder unveränderbar (weil Vergangenheit) sind. Du wirst sie nicht los, immer wieder fallen sie über dich her. Immer wieder zeigt dir die Depression, dein Unterbewusstsein, viele Dinge aus deinem Leben, die du nie wirklich bewältigt hast. Du bist in diesen Gedanken gefangen, Stunden, Tage, Wochen.... immer und immer wieder.

 

Erinnere dich, du warst sicherlich schon einmal menschlich sehr enttäuscht, von einem guten Freund, guten Kollegen, wie du dachtes. Es hat dir weh getan. Du hast dich vielleicht auch leer gefühlt. Du hast dir Gedanken gemacht. Dich gefragt, warum gerade Du das erleben musst. Du hast dich abgewendet und hast dich vielleicht auch für ein paar Tage zurückgezogen, wolltest allein sein.

Und nun stell dir vor, dass die Depression, dir solche Augenblicke, solche Situationen wieder hervor holt, dir deine Verletzungen zeigt, immer wieder. Deine Gedanken drehen sich um: warum, hätte, könnte, aber.... und diese furchtbare innere Leere bleibt in dir. Dein Rückzug, dein allein sein wird zu deiner Sicherheit im Leben.

 

Erinnere dich, du hast sicherlich schon einmal in einer Situation gestanden, wo du völlig aus deinen alten Wegen, aus deiner Sicherheit, heraus gehen musstest. Du hast dich nicht wohl gefühlt, wärst am liebsten in den Boden versunken, warst unsicher. Du hast überlegt: mache ich es oder lieber doch nicht, schaffe ich es oder doch nicht, bin ich bereit dafür oder lasse ich es lieber, will ich es wirklich oder will ich es nicht.

Und nun stell dir vor, diese Situation fällt immer über dich her, wenn du deine Wohnung, dein zu Hause verlassen willst. Dabei ist egal wofür. Ob du „nur“ einkaufen willst, zu den Kindern fährst, eine Freundin triffst... Egal, deine Gedanken fahren Achterbahn im Ja, Jain oder Nein.

 

Erinnre dich, irgendwann warst du sicherlich einmal sehr unzufrieden mit dir, hast dich nicht gut genug, vielleicht sogar als Versager gefühlt, weil du etwas nicht geschafft hast, oder viel später als andere erst getan hast. Trotzdem war es dein Weg und du hast es geschafft damit glücklich zu sein.

Nun stell dir vor, diese Gedanken würden deine Gedankenwelt bestimmen und deine Welt regieren. Du würdest immer und immer wieder auf sie stoßen. Du würdest dich, sehr oft, als nicht gut genug fühlen, obwohl du genau weißt oder gelernt hast, du hast dein Bestes gegeben.

 

Ein letztes noch. Sicherlich gab es schon eine Situation, die unvorbereitet über dich herein gebrochen ist. Die dich überfordert und hilflos gemacht. Du hast sie gemeistert und oftmals vergessen.

Nun stell dir vor, das genau diese Überforderung und Hilflosigkeit, dich in vielen alltäglichen Dingen befällt. So beim einkaufen, beim Auto oder Straßenbahn fahren, bei einem Gespräch, bei einer Gruppenunterhaltung, bei Auseinandersetzungen, bei Streit oder einfach bei unvorbereiteten Dingen die eben im Leben mal so passieren. Nichts wirklich schlimmes, aber du drehst dich sofort im Kreis.

 

Ich denke, ich könnte noch weitere Situationen aufschreiben, die dir selbst bekannt vorkommen, die du schon einmal erlebt und gefühlt hast. Es gibt so vieles, was die Depression im Leben beeinflusst. Ach, und noch ein Nachsatz. Du hast dich jetzt, von Absatz zu Absatz, erinnert und gefühlt. Jede Situation einzeln angeschaut. Die Depression bringt das alles zusammen in meine Lebenswelt.

 

Und doch sage ich dir: ICH WILL LEBEN.

Ich weiß noch, das Leben kann auch schön sein und an manchen Tagen kann ich es erleben. Ich werde weiter lernen, mich selbst weiter kennen lernen, lernen ich selbst zu sein, mich nicht zu verbiegen. Schritt für Schritt, mit unendlicher Geduld, immer in der Hoffnung, dass ich die Depression besiegen kann, eines Tages.