Mein Tag. Er vergeht und ich gebe ihm was ich kann. Er ist wie er ist. Mal so oder eben so.

Gedanken zu meinem Tag

Früh am Morgen, wenn der Wecker klingelt stehe ich auf. Ja, ich habe es mir selbst ausgesucht. Ich stehe auf, weil ich Michael Frühstück machen möchte und ich schaffe es jeden Tag. Darauf sollte ich stolz sein. Ich kann es aber nicht. Was ist das schon für eine Leistung, Frühstück machen? Da ist es wieder. Diese alte Denkstruktur, dieses ich muss doch mehr können, dieses es ist nicht gut genug. Nein, mit der Depression, ist mein Leistungsvermögen minimiert und ich kann auf alles, was ich an einem Tag schaffe, stolz sein. Für gesunde Menschen sind es Kleinigkeiten, die nebenbei, mit der Leichtigkeit des Lebens, erfüllt werden. Einfach so. Für mich geht es aber nicht einfach so.

 

Ich stehe irgendwie in der Küche und erledige die notwendigen „Arbeitsgänge“. Mein Kopf ist dabei im Nirgendwo und im Überall. Mein Gehirn ist ein großer wabbliger Klumpen, der nur ans schlafen denkt. Es ist anstrengend für mich und ich bin jeden Tag froh, wenn es vorbei ist. Ich mache dann meine Kaffeezeit auf Balkonien und denke nur daran, wie müde ich bin. Ich bin einfach nur leer, müde, schlapp und trage einen Zentnerrucksack. Zum Glück habe ich an den meisten Tagen keine Termine, so dass ich noch einmal schlafen kann. Es tut mir gut, wenn ich meinen Kopf wieder auf das Kissen legen kann und Zeit zum schlafen habe.

 

Nach meinem Klinikaufenthalt, klingelt der Wecker mich um 10.00 Uhr wieder aus dem Bett. Das schaffe ich nicht immer, aber immer öfter. Ich brauche anderthalb Stunden um mich Tagfertig zu machen, manchmal auch zu duschen. 11.30 Uhr ist Mittagessen in der Kantine angesagt. Sehr oft quäle ich mich dorthin, nur weil ich meine Stabilisierungsaufgaben einhalten möchte. Zum Glück ist es dort nie voll und ich muss selten anstehen. Ich sitze immer mit meiner Friseurin am Tisch und wir unterhalten uns, mal mehr und mal weniger. Nach 15 Minuten bin ich glücklich wieder draußen. Ich habe es geschafft, aber stolz sein kann ich einfach nicht. Ich weiß nicht wie das geht. Ich sage mir im Kopf, du hast es geschafft, das hast du gut gemacht. Aber in mir ändert es nichts, meinem „Gefühl“ ist es egal.

 

Jetzt ist der Fotospaziergang an der Reihe. Es gibt Tage, wo ich mich quäle los zu gehen und ich dann aber in den Tag komme, „Freude“ habe und intensiv nach schönen Motiven schaue. Andere, seltene Tage, habe ich Antrieb los zu gehen und habe auch eigene Vorstellungen, was ich sehen möchte. Wieder andere Tage, ist jeder Schritt zu viel, Beton an den Füßen, Mehlsack auf dem Rücken und Gedankenkarusell im Kopf. An diesen Tagen muss ich mich sehr konzentrieren, da ja die Dissoziationen dann nicht weit sind. Das fotografieren vertreibt dabei, wenigstens für eine Zeit, die Gedankenstrudel. Es kommt an solchen Tagen oft vor, dass ich meine 5 Min Weg, von der Kantine nach Hause, schon als weiten Spaziergang empfinde und diesen ausfallen lasse. Heute habe ich es geschafft, wenigstens eine Runde um den Block zu gehen. Schweißtriefend zu Hause angekommen, war ich es zufrieden. Ich war wenigstens etwas unterwegs, es hat meinen Kopf sortiert und mich motiviert noch eine Alltagsaufgabe zu erledigen.

 

Seit 2 Wochen schiebe ich sie vor mir her. Heute nicht, morgen, nein übermorgen …. Heute habe ich es erledigt, bis zum Schluss! Ich habe 15 Schreiben/Briefumschläge ausgefüllt, an alle die unsere geänderte Bankverbindung benötigen. Ich habe es geschafft! Ich habe es hinter mir. Heute habe ich es erledigt. Ja, das ist für gesunde Menschen sicherlich auch eine Überwindung und macht keinen Spaß. Für mich aber ist es Horror und sehr anstrengend. Es steht ein MUSS dahinter. Es dann zu schaffen, ist Erleichterung. Ja, ich hätte es an Michael weiter geben können. Das aber, lässt mein Gewissen nicht zu. Er geht arbeiten, ich bin zu Hause und bekomme nichts auf die Reihe. Nein, dass geht einfach nicht. Ich muss und ich will es schaffen. Und? Ich habe es geschafft, spät aber noch früh genug.

 

Neben dem zweimaligen ausräumen des Geschirrspülers, der Balkonreinigung und meiner Dekoaktion, war es das dann aber schon, mit meinen Alltagsaufgaben in dieser Woche. Und da ist es wieder. Dieses alte Gedankenmuster, es war nicht genug. Doch es war genug! Es war für diese Woche genug! Irgendwann werde ich es hoffentlich annehmen können. Hoffe ich. Für jeden gesunden Menschen sind das Pillepalleaufgaben, die einfach so erledigt werden. Darüber hinaus geht er arbeiten und erledigt noch so manche andere Aufgabe. Das darf nicht meine Orientierung sein, wenn ich es auch immer wieder tue. Nein! Ich bin krank und für mich ist jede kleine Aufgabe, die ich erledige, angefangen von der Körperpflege, über den Haushalt bis zum Einkauf eine gute Leistung.

 

Ich bin krank und ich gebe jedem Tag, was ich kann. Mal mehr und eben mal weniger. Das ist mein Leben und es kann nur besser werden. .

 

23.02.2017