Gedankenstrudel: Früher da war das alles leicht... früher habe ich viel mehr geschafft... mein früheres ich...

Mein früheres ICH – Früher, ja da konnte ich viel mehr!

In meiner Selbsthilfegruppe „Ein Boot auf dem Meer“ lese ich oft, was ich auch so oft denke. Ich vergleiche meine derzeitige Situation, mein derzeitiges Können mit dem aus der Vergangenheit. Sätze, die mit: ja früher, da habe ich.... mein früheres ich.... in meinem alten Leben.... sind oft in meinen Gedanken.

Sind diese Gedanken für mich hilfreich? Ich denke ja und nein.  

Ja, weil sie mir zeigen, dass ich früher nicht auf mich geachtet habe. Ja, weil sie mir bewusst machen, dass ich nicht mein eigenes Leben geführt habe. Ja, weil sie mir sagen, du hast dich immer nur an anderen Menschen ausgerichtet. Ja, weil sie mich erkennen lassen, dass ich mein wirkliches ICH, immer unter einer Maske verborgen habe. Ja, weil sie mich sehen lassen, was ich getan habe und dabei verloren bzw. übersehen habe. Ja, weil sie mir die Erkenntnis geben, so darf es nie wieder werden.

 

Nein, weil sie mich in Schuldgefühle jagen. Nein, weil sie mich in Gedankenstrudel versinken lassen. Nein, weil der Vergleich hinkt. Nein, weil genau dieses Leben mich krank gemacht hat. Nein, weil sie mir nicht helfen meinen aktuellen Dasein förderlich zu sein. Nein, weil sie mir nicht helfen die Depression zu akzeptieren, mit ihr ohne Selbstvorwürfe zu leben und das Beste aus jedem Tag zu machen.

 

Mein früheres ICH? Gibt es das? Ich glaube, das frühere ICH gibt es noch in mir. Es trägt und es hindert mich. Das frühere ICH, dass sich von Kindes Beinen an verbogen hat, um ja alles richtig zu machen. Für die Eltern, für die Lehrer, für die Kollegen, für den Mann, für die Kinder …. Mein früheres ICH hat überhaupt nicht bemerkt, dass es nur aus aus Ängsten, Selbstaufgabe, Perfektionismus, Selbstaufgabe und Selbstwertschwäche bestand. Ich habe gelebt, habe für alles und jedes die Verantwortung getragen, habe Höhen und Tiefen gemeistert, Krisen durchgestanden und niemand hat mich je gefragt wie ich das alles geschafft habe. Niemand war stolz auf mich, nicht einmal ich selbst. Ich hatte nie gelernt auch mich selbst zu achten, mich selbst anzunehmen, mich selbst zu wertschätzen, gegenüber anderen zu bestehen. Immer nagten die Selbstzweifel an mir. Immer war ich nicht gut genug und deshalb passierte es, immer wieder, mir. Ich hatte gelernt, sehr früh schon, für mich allein zu kämpfen. Ich nahm jede Herausforderung an. Auch als der Job, über Jahre hinweg, die Hölle wurde. Ich war standhaft, ich hielt durch. Existenzangst, Mobbing, Bossing und ein immer höherer Arbeitsaufgabenberg türmten sich so auf, bis mein ICH zusammen brach. Die Maske fiel.

 

Als ich wieder denken konnte, wollte mein ICH keine Maske mehr, es wollte leben.

Mein ICH kam aus mir heraus und wollte sich nicht mehr verstecken und verbiegen. In den Jahren der Therapie lernte ich mich kennen und ich lerne noch. Das ICH sagt: sei wie du bist und doch ist es in alten Gedankenmustern gefangen. Tief in meinem Herzen weiß ich, das ich ein guter, warmherziger, ehrlicher Mensch bin, der viel geschafft hat und noch viel schaffen wird. Und doch jagen mich meine Selbstzweifel und mein Selbstwertgefühl liegt am Boden.

Ich übe immer und immer wieder, auf mich selbst zu achten, zu sagen was ich denke und fühle, meine Grenzen zu erkennen und zu achten. Ja, so manches was früher „normal“ war, ist heute kaum oder gar nicht möglich. Ich bin krank, aber nicht tot. Ich bin wie ich bin, mit der Krankheit.

Ich möchte mein früheres ICH nicht zurück! Ich bin gut wie ich bin! Ich werde weiter lernen und weiter Schritt für Schritt gehen, um wieder besser leben zu können, denn ich habe es verdient.

 

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