Mein Leben mit der Depression gleich einer Fahrt auf der Achterbahn. Mal bin ich unten, mal oben und nie weiß ich was der nächste Tag bringt.

Tage in der Achterbahn der Depression

Ein Tag beginnt. Der Wecker klingelt mich aus meinen wirren Träumen und erschlägt mich. Ich mache die Augen auf und denke nur daran, weiter zu schlafen. Ich bin so unendlich müde. So unendlich kaputt. Mein Körper liegt unter einer ungeheuren Last und ich habe nicht die Kraft dagegen anzugehen. Ich schlafe noch ein paar Stunden und beim einschlafen denke ich, nachher wird es besser sein. Irgendwann wache ich auf. Ich bin wach und doch völlig kaputt und müde. Diese schwere Last ist immer noch auf mir und macht jede Bewegung schwer. Ich schaffe es, endlich sitze ich auf der Bettkante. Meine Augen sind geschlossen, ich bin so kraft- und energielos. Was mache ich hier bloß?

Los aufstehen, irgendwann muss doch auch mein Tag beginnen. Ich schleife mich ins Bad, schaue in den Spiegel und sehe mich nicht. Mühsam gehe ich in die Küche und koche Kaffee, der soll ja munter machen. Frühstück, oh Gott ich kann jetzt nichts essen. Endlich, der Kaffee ist fertig und ich schleiche auf den Balkon. Kaffee trinken und rauchen. Ich sitze da, die Sonne steht schon hoch am Himmel und die Vögel singen laut ihre Lieder. Doch nichts davon kommt bei mir an. Ich sitze da, einfach so vor mich hin. Irgendwann hole ich mir die zweite Tasse Kaffee. In meinem Kopf ist immer noch gähnende Leere und doch ein Gedankensammelsurim, unsortiert und durcheinander. Der Kopf weigert sich klare Gedanken oder Gedanken an Alltagsaufgaben zu fassen. In meinen Beinen ist Blei und auf meinem Rücken trage ich einen bleigefüllten Rucksack. Ich bin so leer und doch so voll, ich bin wach und doch so unendlich müde, ich möchte was tun und doch sitze ich hier.

Die Zeit vergeht, irgendwie im Nichtssein. Noch immer trage ich den Schlafanzug, noch immer bin ich nicht gewaschen und meine Haare stehen in alle Himmelsrichtungen. Es ist mir egal und doch nicht egal, doch ich habe keinen Antrieb es zu ändern. Alles in mir ist da und doch nicht im Leben. Ich sitze da in meiner Dunkelheit gefangen und im Nichts versunken. Irgendwann schaffe ich es bis auf das Sofa. Laptop an und irgendwas lesen und anschauen. Ich suche mir Fotos, Erinnerungen an schöne Stunden, lese hier und da und scrolle irgendwo rum. Nichts bleibt haften, nichts berührt mich, nichts bringt mich in den Tag. Alle Alltagsaufgaben bleiben liegen. Es bleibt ein Tag im Nichts und im Einerlei. Die Depression hat mich fest in ihren Fängen. Der Tag ist vorbei ehe ich munter geworden bin und mich aufraffen konnte. Mein Mann kommt von der Arbeit, Abendbrot und ein mühsames Gespräch. Ich kann kaum folgen und es strengt mich an. Gemeinsam fernsehen und schon bald verschwinde ich im Bett. Morgen ist auch noch ein Tag.

Morgen kommt vielleicht noch so ein Tag. Ja, dann ist es so.

 

Es kommen die Tage, an denen ich mühsam und angestrengt meine Tagesstruktur und meine Alltagsaufgaben erledige. Es kostet mich enorme Überwindung, aber ich schaffe es. Es kommt kein Wohlgefühl auf und keine Freude darüber. Ich habe den Tag einfach nur hinter mich gebracht. An diesen Tagen geht es mir nachmittags und abends besser. Es ist einfach so, dass mein Morgentief nicht bis zum Abend anhält. Ich bin aber immer froh, dass es mir gelingt diese Tage, mit all ihren Aufgaben, zu bewältigen.

Es gibt Tage, da geht es mir ganz gut und plötzlich ist alles anders. Ich bin im Tief versunken. Ich kann nicht mehr. Wieder anders, bin ich mühsam über den Tag gekommen und plötzlich spüre ich Energie in mir und ich werde aktiv, am Ende des Tages. Es ist wie es ist.

 

Selten gibt es die Tage, an denen ich wieder lebe. Sie sind so leicht und so angenehm. Ich mache alles einfach so. Ich kann lange spazieren gehen, Alltagsaufgaben erledigen, tolle Fotos machen, mich gut unterhalten und die Zeit genießen. Meine Gefühle klopfen leise an die Tür. Ich bin innerlich nicht leer, es gibt eine Wärme in mir, die ich spüren kann. Es sind die Tage, die mir die Hoffnung geben, dass ich eines Tages wieder ganz „normal“ leben kann und meine Gefühle zu mir zurück finden.

 

Es ist so schwer, jeden Tag mit sich selbst zu kämpfen. Sich immer wieder zu sagen, halte die Tagesstruktur ein und erledige deine Alltagsaufgaben. Das ist harte Arbeit für mich und es gibt Tage, da gebe ich auf. Ich will dann einfach nicht kämpfen, ich will einfach nur sein. Es ist nicht wie früher, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte und keine Lust auf Arbeit. Nein, heute ist es wesentlich schwerer, sich selbst zu motivieren und die „kleinen“ Aufgaben einzuhalten. Über viele Jahre hinweg, immer das Gleiche und immer in der Hoffnung, dass es wieder lebenswerter wird.

 

Und ja, es ist besser geworden, in kleinen Schritten. Und ja, ich bin nicht mehr da wo ich hergekommen bin. Und nein, Geduld ist nicht meine Stärke. Und nein, mein Leben gefällt mir nicht. Und doch muss ich es akzeptieren und annehmen. Nur wie das geht, das kann mir niemand sagen. Und doch gebe ich nicht auf. Ich kann es nicht, denn dann war alles umsonst, dann bin ich verloren.

 

Warum meine Tage so sind und so sind und so sind, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass ich nicht jeden Tag kämpfen kann, das an manchen Tagen die Depression stärker ist als ich, ich einfach nichts kann. Ich weiß nicht welchen Auslöser es haben könnte, dass sie so sind, wie sie sind. Doch jetzt in der Traumatherapie werde ich gefragt, warum diese Tage so sind, welchen Auslöser diese Tage haben, warum ich die Aufgaben nicht einhalten kann. Ich habe die Antwort noch nicht gefunden. Ich habe den Faden zu dieser Frage noch nicht gefunden. Ich habe neu gelernt, dass die Posttraumatische Belastungsstörung der Auslöser für die Depression ist. Macht sie nun die Depression anders? Ist es jetzt nicht mehr so, dass ich die Tage akzeptieren muss, wie sie sind? Ihnen gebe was ich kann? Ist es nicht typisch für die Depression, dass es solche und solche Tage gibt? Was für einen Auslöser suche ich? Ich weiß keinen. Ich weiß aber, wen ich fragen werde – meine Therapeutin.