Montag war Therapie. Ein Tag auf den ich gewartet hatte. Ich hatte so viele Fragen, so viel Druck, so viele Zweifel in mir. Auf der Suche nach Antworten.

Belastungsstärke – Weglaufen – Gefühlsleere - Erkenntnisse

Steinturm - Sinnbild für all das, was in mir ist. Veränderbar und schön.
Steinturm - Sinnbild für all das, was in mir ist. Veränderbar und schön.

Ich war froh, dass heute endlich wieder eine Therapiestunde angesetzt war. Ich habe so viele Fragen, ich stehe so unter Druck und bin wieder in meinen Zweifeln gefangen. Ich habe meine Texte ausgedruckt um sie vor zu lesen, um meinen inneren Frieden zu finden.

Mein Kopf ist voll, aber ich kann nicht raus aus mir. Zu laut sind meine Gedanken, dass ich zu dumm bin, um zu verstehen worauf die Therapie zielt. Aber, wie immer, ist der Faden schnell gefunden. Wie immer beginnen wir mit dem Rückblick und ich kann von meinem positiven und aktiven Wochenende erzählen. Für den Augenblick entlastet es mich erst einmal.

 

Dann kommt mein Thema angeschlichen.  

Meine Tage, die guten und die anderen Tage. Woran merken sie, das sie einen guten Tag haben? Wie geht es an den ganz schweren Tagen? Fragen, die ich schnell beantworten kann. Natürlich beschreibe ich meine ganz schweren Tage, wie sie für mich sind: ich bin zu nichts in der Lage, schlafe lange und an Struktur und Alltagsaufgaben ist nicht zu denken. Ich sage ehrlich, dass mich ein paar Äußerungen aus den letzten Therapiestunden mächtig unter Druck setzen und ich mich wie eine Versagerin fühle. Nachdrücklich erkläre ich, dass an diesen Tagen wirklich einfach nichts geht.

Das diese Aussage nicht die Wahrheit ist, erkenne ich sehr bald. Ich habe der Therapeutin, dem entsprechend ein falsches Bild vermittelt. In unserem Gespräch führt sie mich zu einer anderen Aussage. Es geht nicht darum, dass ich mir jeden Tag mit Aufgaben und Terminen voll packe, um dann am Wochenende „um zu fallen“, weil ich kaputt bin. Es geht nicht darum, dass ich jeden Tag meine selbstauferlegte Struktur einhalte, nicht darum jeden Tag in die Kantine zu gehen und mich selbst zu konfrontieren, nicht darum jeden Tag spazieren zu gehen und zu fotografieren...

 

Es geht darum, meine Belastungsstärke soweit zu stabilisieren, dass ich einen neuen Aufenthalt in der Klinik, mit allen Therapieangeboten, durchstehen kann. Es geht darum, auch an den schweren Tagen Strukturaufgaben einzuhalten, etwas zu tun was mir gut tut, was mir Freude bereitet und nicht den Tag im Bett zu verbringen.

 

Und genau an dieser Stelle bemerke ich meinen Fehler, denn ich verbringe derzeit keinen Tag mehr im Bett. Es geht also doch etwas. Damit habe ich auch Struktur an diesen Tagen. Ich stehe am Morgen auf, mache Frühstück, schlafe noch mal und zu einem Zeitpunkt X stehe ich auf und ziehe mich an. Dann genehmige ich mir eine Kaffeezeit und spiele oder schreibe auf Facebook/Homepage. Wenn Michael nach Hause kommt, gibt es die gemeinsame Austauschzeit – wie war der Tag – und dann mache ich Abendbrot. Ich habe also Struktur, tue etwas für mich und erledige kleine Aufgaben.

 

Das ist nicht NICHTS.

 

NICHTS ist dem entsprechend nur ein Tag, an dem ich meine, selbst festgelegte, perfekte Tagesstruktur/Alltagsaufgaben nicht voll erfülle. Ich bin wieder in meinen alten Gedankenmustern gefangen: ich muss perfekt sein, ich muss alles richtig machen. Dabei ist es nicht falsch, wenn an den schweren Tage eben nicht ALLES umsetzbar ist. Es ist positiv, dass ich auch solchen Tagen, alles gebe was ich kann. Mein eigenes Anspruchsverhalten hat mir demnach wieder einmal Steine in den Weg gelegt. Ich selbst habe mich abgewertet. Ich habe nicht positiv gewertet, was ich an kleinen Dingen, auch an schweren Tagen, erledigt habe und wieder nur auf die Dinge geschaut, die ich nicht geschafft habe. Ja, Heike aufwachen! Achte alle Dinge die du tust.

 

Dann ist auch schon das nächste Thema im Raum. Mein Verhalten wenn es um „Streit“ oder „Diskussionen mit unterschiedlichen Standpunkten“ geht. Ich kann sie nicht aushalten, es tut mir weh im Kopf und in den Nerven. Ich vermeide sie, wenn es irgend geht. Ich gehe aus der Situation heraus. Auch das ist, jetzt, nicht falsch. Ich halte es nicht mehr aus, bis ich nicht mehr kann, nur um nicht aufzufallen oder es anderen Recht zu machen. Ich vermeide damit die Dissoziation. Es keine Lösung auf Dauer, denn ich kann nicht immer weglaufen. Noch weigert sich mein ganzes ICH solche Dinge auszuhalten oder zu lösen. Ich will keine Probleme, ich will keine Auseinandersetzungen. Es sind die alten Gedankenmuster und Ängste – ich verliere immer, ich kann nichts richtig machen, ich bin immer Schuld -, die mich aus dem Leben nehmen. Sie kommen aus dem Unterbewusstsein und behindern mich. Positiv ist, ich wende Gelerntes an, ich entscheide selbst und ich sorge für mich. Wo diese Glaubenssätze genau herkommen, wie ich selbst erkennen und wie ich sie regulieren kann, dass werde ich im weiteren Verlauf der Therapie herausfinden und lernen. Sicher sind es auch genau diese Dinge, die verhindern dass ich fühlen kann.

 

Und hier bin ich an meinem nächsten Thema. Ich erzähle von unserem Besuch, wie ich ihn umarmt habe, wie er mich umarmt hat, dass ich den Eindruck habe, er hat mich gern. Sofort kommt aber auch wieder meine negative Aussage, dass ich es nicht fühlen kann, dass es in mir nur das Einerlei gibt.

Die Antwort ist eine Frage. Warum freuen sie sich nicht darüber, dass sie ihn umarmen können und dass er sie mag. Das können so viele nicht mehr. Sie geben den Menschen etwas, dass haben sie auch in der Traumaklinik erlebt. Warum machen sie das Positive durch ihre negativen Gedanken sofort kaputt? Erwarten sie nicht stets die Gefühle und nehmen sie an was ist. Plums, dass hat gesessen. Eine Erkenntnis, die mir sofort einleuchtet. Leider ist mir nicht klar, wie ich das verhindere. Diese innere Gefühlsleere gegenüber, mir lieben Menschen, ist sehr schwer für mich. Der Wunsch nach meinen Gefühlen ist so groß und Geduld ist nicht meine Stärke. Aber ich weiß, dass mich mein Druck nicht weiter bringt. Er bringt mir nur schwere Tage und Gedankenstrudel.

 

Ja, die Traumatherapie ist anders. Sie ist denke ich, aus meinen Erfahrungen heraus, wesentlich intensiver. Es geht hier nicht, vordergründig, um mein Verhalten im Umgang mit der Depression. Natürlich spielt die Depression immer mit, aber jetzt geht es in die Tiefe meines Seins, es wird nachgeschaut, wo kommen die Anspannung, die Angst, die Emotionen, die Glaubenssätze, die Selbstaufgabe, der Selbstdruck her. Wo sind sie „geboren“ worden. Sie haben sich gefestigt und haben dazu beigetragen dass ich überlebt habe. Meine Glaubenssätze haben sich, im Unterbewusstsein so verfestigt, dass sie mich steuern. Sie lassen mich reagieren, wie ich reagiere.

 

Es geht um die Wurzeln meines ICH. Ich werde noch verstärkter in mich hinein sehen müssen, schauen wo meine Stärken und mein Selbstwert sind, um sie zu stärken. Ich werde die Glaubenssätze finden müssen, um sie anzuschauen und bearbeiten. Das heißt, nachzuschauen ob sie in der Realität, in meinem jetzigen Leben, noch sinnvoll sind, der Wahrheit entsprechen. Dabei werde ich auch in die Nähe der Traumata kommen, ohne in die direkte Konfrontation zu gehen.

 

Ich werde mich selbst finden, immer mehr. Ich werde positiv denken lernen und auch, mich selbst anzunehmen. Ich werde lernen meine Glaubenssätze positiv zu verändern. Damit wird meine Alltagsstabilität zunehmen.

 

Alles wird gut! Daran kann ich nicht mehr glauben. Noch nicht.

Vieles wird gut, dass hoffe ich.

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