Notfall-Therapiestunde. So geht das nicht, sagte meine Therapeutin. Nun mein Ursprungstext mit meiner nach-therapeutischen Draufsicht. Ein Einblick.

Wenn das Leben über mir zusammen bricht

Notfall-Therapiestunde. So geht das nicht, sagte meine Therapeutin. Dies ist mein Ursprungstext, mit meiner nach-therapeutischen Draufsicht (rot). Ein Einblick.

Hinter dunklen Wolken ist immer auch der blaue Himmel. Wir können ihn nur nicht immer sehen.
Hinter dunklen Wolken ist immer auch der blaue Himmel. Wir können ihn nur nicht immer sehen.

Zuversichtlich in das Osterwochenende

Unsere erste Station war Cottbus, um meinen Sohn abzuholen. Bei unserem letzten Treffen ging es ihm gut und er war zuversichtlich. Nun stand er vor mir, grau im Gesicht und seine Begrüßung: ICH WILL NICHT MEHR, hämmerte in meine Seele. Seine Tränen fraßen sich in mein Herz. Nichts mehr war in Ordnung, meine Welt zerbrach. Wortlos fuhren wir weiter. Mein Kopf fuhr Achterbahn. Die Angst stand mir bis unter die Schädeldecke.

(Meine Angst und meine Gedankenachterbahn dürfen sein und sind verständlich. Sicherlich hätten wir in dieser Situation anders handeln können, aber wir waren Beide völlig überfordert. Mit so einem Zustand meines Sohnes hatten wir nicht gerechnet. Ich war der Situation überhaupt nicht gewachsen. Ich hatte zu große Angst um meinen Sohn, dachte nicht an mich, sondern nur daran ihm etwas Gutes zu tun, ihm wenigstens 2 gemeinsame Tage geben, ein klein wenig Familie. Ich konnte nicht mehr denken. Michael dachte nur an seine 4 Tage mit den Enkelkindern. Verständlich, auch er ist ein Mensch und hat seine Bedürfnisse. Er kann nicht immer nur daran denken, was gerade richtiger wäre. So trafen wir zusammen, wortlos, die Entscheidung nach Plan weiter zu fahren. Dabei bedachten wir nicht, dass wir damit auch andere mit dieser Situation konfrontieren. Denn das uns etwas tief getroffen hat, konnten wir nicht verstecken.)

Kleine Glücksmomente

Ich höre dir zu, mein Sohn

Am Nachmittag ging ich mit meinem Sohn spazieren. Er wollte reden und ich lies ihn reden. Ich hörte zu, machte ihm Mut. Ich konnte ihn so gut verstehen, seine Gedanken, seine Selbstvorwürfe und seine Zweifel. Wir gingen langsam und sprachen lange. Ich glaube, ich konnte ihm etwas Halt und Zuversicht geben, die Gewissheit dass wir ihm helfen, die Gewissheit dass ich ihn liebe. Ich musste ihm aber auch meine Grenzen aufzeigen, sagen was ich nicht leisten konnte, auch wenn es mir das Herz zerriss. Ich weiß, dass er hat es verstanden und doch bleiben in mir meine Selbstvorwürfe.

(Ich habe es, trotz meines schlechten Zustandes, geschafft mit meinem Sohn spazieren zu gehen, ihm Mut zu machen und ihm zu sagen, dass wir helfen so weit wir es können. Ich war ehrlich und habe nichts gesagt was ich nicht leisten kann. Ich habe meine Grenzen aufgezeigt, trotz meiner Angst. Ich habe alles getan, was möglich war, denn alles was wir besprochen haben, was seine Situation an sich betrifft, kann er nur selbst angehen. Er hat gute Erkenntnisse über sich wahrgenommen und es ist jetzt an ihm die Hilfe anzunehmen, die er braucht um seine Situation positiv zu verändern, so wie es ihm gut tut. Ich bin für ihn da, so weit ich es kann. Selbstvorwürfe meinerseits sind hier am falschen Platz.)

Durchhalten, war mein Ziel

Ich stand die Ostertage durch, irgendwie. Wie sagte Michael, du hast nur da gesessen geraucht, Kaffee getrunken oder geschlafen. Ja, ich habe allen das Osterfest versaut. Ich war zu Nichts fähig, ich wollte nur nach Hause, nur weg aus dieser heilen Welt. Und doch blieb ich, damit Michael, nicht wegen mir, seine Enkelkinder verlassen musste. Das Leben ging an mir vorbei. Ich war gefangen in mir selbst. Fragen, Ideen drehten sich im Kreis. Ich wusste die Antworten, wusste ich kann nichts tun, wusste ich kann es nicht leisten, wusste mein Sohn muss sich selbst helfen. In mir stand die Angst, die Gedankenstrudel rissen mich runter, die Selbstvorwürfe nahmen ihren Weg, mir war das Leben, um mich rum, einerlei. Ich nahm es kaum wahr. Ich war froh, wenn ich einen Tag geschafft hatte.

(So geht das überhaupt nicht! Ich hole zum rundum Schlag gegen mich selbst aus.

Ich selbst habe die Verantwortung übernommen nicht nach Hause zu fahren. Ich habe nicht an mich gedacht, sondern nur daran gedacht Michael seine Freude zu lassen, Michael sollte nicht schon wieder, wegen mir, zurück stecken. Es war meine Entscheidung. Ich habe nichts gesagt, denn hätte ich es gesagt, wäre Michael sofort mit mir nach Hause gefahren. Ich habe nicht nur rumgesessen, geraucht und Kaffee getrunken oder geschlafen. Ich habe durchgehalten. Auch meine Aussage: ich war zu nichts fähig, stimmt nicht! Ich bin jeden Tag am Vormittag aufgestanden, ich habe mit den anderen gefrühstückt, gemeinsam Mittag gegessen, ich war mit Andre spazieren, ich bin mit nach Grano gefahren, bin dort mit spazieren gegangen, habe dort die Freude der Enkelkinder über unsere Ostergeschenke erlebt und bis in die Abendstunden durchgehalten, in einem Raum mit 11 Leuten und sehr lautstarken Unterhaltungen. Ich bin am Ostersonntag aufgestanden, habe die Ostereiersuche erlebt, Mittag gegessen und erst dann habe ich mich zurück gezogen. Ich habe alles gegeben, es hat mir alle Kraft gekostet. Ich war zu einigen Dinge fähig, trotz alledem. Ich habe nicht allen Ostern versaut! Nein, die unvorhergesehene Situation und unsere Entscheidungen, haben dazu beigetragen, dass Ostern nicht optimal und nach Plan abgelaufen ist. Nein, das Leben um mich herum war mir nicht einerlei und es ging nicht total an mir vorbei. Ich habe mit aller Kraft versucht zu funktionieren, damit es für alle anderen ein möglichst normales Ostern sein konnte. Ich habe mich zurück gezogen, um die Tage zu schaffen und die anderen nicht zu belasten. Ich kann stolz darauf sein, die Tage überstanden zu haben. Ich kann stolz auf mich sein, denn ich habe ein Ziel erreicht, Michael hatte vier Tage mit seinen Enkelkindern.)

Kleine Glücksmomente

Stop! Hör auf dich selbst fertig zu machen

Es hat mich aus dem Leben gerissen. In mir jagen meine Gedanken, sich gegenseitig. Mal hier hin und mal dort hin. Mal zu dem Ereignis und mal zu diesem Ereignis. Skills, ja aber sie helfen nicht. Nicht immer ist ein Eispack gut. Rum hopsen in der Wohnung hilft auch nicht. Meine Gedanken sind im Irgendwo. Meine Stimmung ist im dunkelgrau. Meine Eigenenergie ist bei minimal angelangt. Mein Selbstwert ist am Boden zerstört. Meine Selbstvorwürfe tanzen Samba. Ja und auch mein Lebenswille hat zu kämpfen, um nicht unterzugehen.

(Ja, es darf sein. Diese Gedanken sind da. Es ist nicht verwunderlich, dass es mich bis ins Mark trifft. Doch es ist an der Zeit all dies zu hinterfragen. Sind meine Gedankengänge richtig? Mir zu sagen, was ich trotz alledem geschafft habe. Meine minimale Eigenenergie dafür zu verwenden, mir selbst immer wieder zu sagen: Du hast getan, was du konntest. Du kannst stolz auf dich sein! Jetzt ist es an der Zeit, auf dich selbst auf zu passen, denn niemandem hilft es, wenn du dich selbst zerstörst. Ich bin nicht Schuld an der jetzigen Situation meines Sohnes. Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass es jetzt, so um ihn steht.)

Meine negativen Gedanken machen sich über all breit. Ja, ich habe es gestern geschafft, meinem Mann Frühstück und Abendbrot zu bereiten. Den Rest des Tages habe ich geschlafen. Ich war so unendlich müde und war am Abend einfach nur froh, dass der Tag vorbei war. Ich habe am Nachmittag, nach Michaels Nachfrage, eine Anfrage an meine Therapeutin gesendet. Das war wohl das Sinnvollste an diesem Tag. Denn ansonsten ärgerte ich mich über mich selbst, konnte mich selbst nicht ausstehen, schnauzte mich selbst an, war mir selbst zu viel und fühlte mich nur als Ballast.

(STOP! Hör auf dich selbst fertig zu machen und so aggressiv mit dir zu sprechen!

Es ist nicht schlimm, dass ich mir einen Tag Ruhe gegönnt habe. Das darf sein, nach so einem anstrengenden Wochenende. Ich selbst hatte die Idee meine Therapeutin anzufragen und auf die einfache Nachfrage von Michael, habe ich es geschafft, sie zu informieren und ihren Termin anzunehmen. Ich habe es sogar geschafft, als sie per Telefon nachfragte, mit ihr zu sprechen. Gut gemacht! Was soll der Ärger über mich selbst? Was hilft es mir wenn ich mich selbst anschnauze? Es bringt mich nicht weiter, es bringt mich nur näher an den Abgrund. Ich bin kein Ballast für Michael. Ich kann Michael glauben, denn er sagt, ich bin für ihn kein Ballast, sondern etwas ganz Besonderes, etwas Wertvolles. Auch ich war schon für ihn da, als es ihm schlecht ging. Ich würde auch für ihn sorgen, wenn er krank geworden wäre. Es hat nun mich getroffen und er ist für mich da. Wir lieben uns tief und auf besondere Art. Ich erledige Alltagsaufgaben, ich erledige viele kleine Dinge für die ganze Familie z. B. habe ich für alle Enkelkinder die Ostergeschenke abgesprochen, besorgt und eingepackt. Ich werde von den Kindern nach meiner Meinung gefragt, mir werden schöne Erlebnisse und auch Entscheidungen erzählt. Sie nehmen mich, wie ich bin. Ich bin auch für sie kein Ballast oder notwendiges Übel. Mir geht es gut in dieser Familie. Es wäre ganz bestimmt nicht so, wenn ich Ballast wäre.)

Es sind die kleinen Dinge, die zählen

Ich verstehe es nach 6 Jahren Therapie noch immer nicht, positiv zu denken, mich dauernd selbst zu reflektieren und die guten Dinge zu sehen. Ich schaffe es auch nicht jeden Tag, für diesen Tag, etwas Positives zu finden. Tue dir was Gutes, ha ha. Was ist denn gut, was tut mir gut? Es sind wieder diese Tage, wo einfach NICHTS für mich gut ist. Ich bin mir einfach nur egal. Das Leben ist mir egal. Meine Sehnsucht ist so groß: NICHT SEHEN – NICHT HÖREN – NICHT SAGEN. Ruhe, nur Ruhe. Das Leben ist zu schwer für mich. Mein Schneckenhaus ist zerstört. Ich selbst habe es nach der Traumaklinik abgebaut, weil es mir nicht gut tut. Und doch möchte ich es jetzt wieder haben. Es ändert nichts an dem was gerade passiert. Es verstärkt meinen Rückzug nur. Ja, ich weiß. Und doch ist die Sehnsucht danach sehr groß. Ja, mein Schneckenhaus hält mich aus der Welt und dem Leben heraus. Ich weiß. So komme ich nicht voran. So werde ich nie gesund. Ich weiß.

(STOP! So geht das nicht. Es ist nicht wahr, was du da denkst.

Ich habe in den Jahren der Therapie viel über mich gelernt. Ich habe so viel Wissen in mir, dass ich auch (bei anderen) gut anwenden kann. Ich muss es nicht jeden Tag schaffen, alle gelernten Dinge und alle Aufgaben einzuhalten. Ich darf aber nicht aufgeben. Auch wenn mir NICHTS gut tut, wie ich sage, tue ich mir doch was Gutes uns sorge für mich. Dann ist es der Schlaf, dann ist es das Schreiben und das Surfen auf Facebook. Ich bin mir nicht wirklich egal, denn wenn es so wäre, würde ich nicht kämpfen, würde ich mich nicht über mich selbst ärgern, würde ich nicht zur Therapie gehen... Ich muss noch immer Geduld mit mir selbst haben. Ich habe schon so viel geschafft. Ich bin schon so weit gekommen. Ich habe mein Schneckenhaus verlassen und es sogar abgebaut. Wunderbar. Nein, das Leben ist nicht zu schwer, nur eben schwer für mich und trotzdem gebe ich nicht auf. Ich lerne, halte Struktur- und Alltagsaufgaben ein, gehe spazieren, fotografiere, bearbeite und sortiere Fotos, schreibe, bastle an meiner Homepage, gehe zur Therapie und zur Ergo, höre anderen zu, bin für andere da, unternehme Ausflüge, mache Urlaub und erleben viele schöne Momente, erlebe wie meine Gefühle leise anklopfen, kann nein sagen, kann Entscheidungen für mich treffen und sicher noch ein paar, immer noch unbeachtete, Dinge. Natürlich braucht es noch Zeit im wirklichen Leben anzukommen, es auszuhalten und zu meistern, es zu lieben, aber ich darf dabei nicht vergessen was ich schon alles gemeistert habe. Es ist auch völlig egal, ob alle meine Entscheidungen wirklich richtig sind, mir wirklich gut tun. Es sind MEINE Entscheidungen. Fehler machen Gesunde und Kranke, auch das ist Leben.

Aufgeben? Nein, danke!

Dann sind da noch die Nächte. Nächte in denen ich wild träume. Ich jage wieder irgendwo herum, ich weiß nicht ob ich gerade weglaufe, mich verirrt habe oder den Weg suche. Manchmal nehme ich meine Umwelt war, Autos fahren vorbei, das Atmen von Michael und doch bin ich noch im Traum.

(Ja, diese Träume gibt es, immer und immer wieder. Sie werden auch gehen, wenn es so weit ist. Wenn ich mit alledem, was in mir ist, aufgeräumt habe. Es sind Träume! Es ist nicht die Wirklichkeit! Wenn der Tag anbricht, sind sie vorbei.)

 

Und dann sind da die Gedanken, einfach nicht mehr auf zu wachen. Einfach ein zu schlafen und alles wäre vorbei, ich hätte meine Ruhe. Doch dann würde ich nie mehr erfahren, wie schön das Leben sein kann und ich würde Michael unendlich weh tun. So geht es also auch nicht. Wie dann? Irgendwie, irgendwie muss ich weitergehen.

(Liebe Heike, glaube an dich! Glaube an das schöne Leben!

Diese Gedanken sind da, doch sie sind nicht wirklich mein Wunsch. Ich möchte leben, leben und schöne Jahre mit Michael verbringen. Ja, ich passe auf mich auf und lasse die Gedanken nicht allein stehen. Ich begegne ihnen mit der Gegenantwort: ICH WILL LEBEN. Wenn ich das nicht mehr kann oder anfange zu überlegen wie ich es anstelle, gehe ich sofort in eine Klinik.)

Vertraue dir selbst! Alles was du brauchst, ist in Dir!


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