Depressionen machen uns das Leben schwer. Doch es gibt auch positive Dinge, die wir durch sie oder weil wir lernen ihr zu begegnen, erleben können.

Meine positiven Aspekte der Depression

Ich lebe seit 6 Jahren mit diagnostizierter Depression und posttraumatischer Belastungsstörung.

Mein Leben mit der Depression ist nicht schön. Es fordert von mir jeden Tag, alle Kraft aufzuwenden, das Beste aus dem Tag zu machen. Schöne Momente und Erlebnisse beinhaltet es ebenfalls. Es ist nicht nur Dunkelheit in meinem Leben.

Ich war ein lebenslustiger, aktiver und sozial engagierter Mensch

Die Herausforderungen meines Lebens habe ich angenommen und gemeistert. Aufgeben war niemals eine Option für mich. Ich lebte, wie jeder andere Mensch, in Höhen und Tiefen. Vielleicht waren es viele Erfahrungen, die nicht jeder Mensch erlebt, doch ich habe sie alle überlebt. Sie haben mich geprägt, Glaubensmuster entstehen lassen und mich am Ende krank gemacht, weil ich mich selbst verloren hatte.

 

Ich stand meine Frau in meinem 60-Stunden Job im sozialen Bereich. Existenzangst und die Angst nicht gut genug zu sein, waren meine Begleiter. Nach der Arbeit war da meine Familie, zwei Kinder und ein Mann. Alle Alltagsaufgaben, Urlaub, Feste sowie alle Probleme der Familie lagen in meiner Verantwortung und in meinem Tun. Kinder, Schule, Ehemann, Haushalt vom Einkauf über putzen und kochen bis Bürokram. Zu spät wurde ich aus dieser Ehe gestoßen, von einem auf den anderen Tag, ohne ein Wort. Nun hing die Existenz meiner Familie allein an mir und auch der Job wurde zur Hölle, durch Mobbing und Bossing. Ich fand mein Glück, doch es machte mein Leben erst einmal nicht einfacher. Neue, ungeahnte Probleme, wurden über mir ausgeschüttet. Ich hatte einen herzensguten Mann kennengelernt, der es wert war, für diese Beziehung zu kämpfen, ihn zu heiraten.

 

Ich war ein Mensch, wie es so viele gibt. Ich rannte durch das Leben und glaubte es muss so sein. Ich nahm, was das Leben mir gab, ohne zu hinterfragen, ohne auf mich selbst zu achten.

Es war einmal.

Die Depression hat STOP gesagt und mich vor dem Tod bewahrt

Heute weiß ich, das ich viele Körpersignale nicht beachtet habe oder mit Schmerztabletten verdrängt habe. Ich nahm erst Hilfe an, als ich nicht nur meinen Job innerlich gekündigt hatte, sondern auch mein Leben. Erst als ich Angst bekam verrückt zu werden, ging ich zu meiner Hausärztin. Glück für mich war, dass diese ein sehr wachsames Auge für psychische Erkrankungen hat. Sie sah mich an und drückte mir einen Krankenschein und die Überweisung in die psychiatrische Tagesklinik in die Hand. Da stand ich nun.

 

Hallo Heike, sagte die Depression, jetzt zeige ich dir meine Stärke, damit du endlich auf dich selbst hörst. Ich fiel in ein sehr sehr dunkles Loch. In ein Loch, dass mich fast völlig handlungsunfähig machte. Heute fehlen mir aus den Wochen, vor der stationären Einweisung in die psychiatrische Klinik, die Erinnerungen. Heute weiß ich, die Depression hat mir das Leben gerettet. Ich bin nicht tot umgefallen.

 

Die Depression hat Stop gesagt, so geht es nicht weiter, verändere dein Leben damit du leben kannst.  

Lernen und verändern, jetzt ist meine Zeit dafür

Natürlich habe ich mir schon immer Zeit genommen zu lernen, um meine Arbeit besser zu erfüllen, mehr zu wissen und auch dies und das zu verändern. Aber jetzt in der Zeit der Depression lerne ich anders. Ich lerne für mich selbst und mit mir selbst.

 

Am Beginn dieses Wege, mich selbst zu verändern, stand das akzeptieren von dem was jetzt ist. Das hieß nicht, meine Situation als gut zu empfinden, für mich hieß es alle Möglichkeiten anzunehmen, die mich wieder in das Leben zurück bringen. Zu lernen mit mir selbst leben zu wollen.

 

Ich lernte zu akzeptieren, dass ich arbeitsunfähig bin, dass ich als Rentnerin leben werde, weil ich krank bin. Ich lernte, dass mein Selbstwert nicht nur von meiner Arbeitsfähigkeit bestimmt wird. Mühsam lernte ich in mich selbst hinein zu schauen und heraus zu finden was gut für mich selbst ist. Zum ersten Mal in meinem Leben schaue ich auf mich selbst und nicht darauf zu funktionieren.

 

Entscheidungen treffen, die mir gut tun und NEIN-sagen lernen, waren die ersten Inhalte meiner Therapiestunden. Vor Entscheidungen, diese zu hinterfragen für wen ich sie treffe, ob ich sie wirklich selbst möchte und ob sie mir ein gutes Gefühl geben, lerne ich immer wieder. Meine alten Verhaltensmuster sind beharrliche Gegner meiner Entwicklung.

 

Haben sie Geduld, sind Worte die mich seit 6 Jahren begleiten. Geduld brauche ich fast jeden Tag, um mich selbst anzunehmen, wie ich bin. Meine Grenzen wahrzunehmen und vor allem auch einzuhalten, meine Tagesleistungen selbst wert zu schätzen. Ich lerne, dass ich nicht perfekt sein muss, um ein guter Mensch zu sein. Ich lerne, dass ich nicht jeden Tag, alle meine Ziele erreichen muss. Mir jeden Tag die Zeit zu nehmen, mir selbst, etwas Gutes zu tun. Darüber hinaus, insbesondere, die positiven Momente des Tage wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein.

 

Immer wiederkehrende Themen meines Lernprogramms sind mein Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstliebe, meine Selbstachtung und der Respekt für mich selbst. Glaubenssätze dirigieren meine Handlungen. Sie sind hartnäckige, selbstverständliche, im Unterbewusstsein lebende Helfer für das Leben. Es gibt Glaubenssätze die mich behindern. Diese zu erkennen und zu verändern lerne ich jetzt.

 

Sprich mit dir selbst, wie mit deiner besten Freundin, ist ein wichtiger Lehrsatz für mich. Für das Leben gibt es keine Gebrauchsanweisung. Jeder macht Fehler und vor allem jeder darf Fehler machen, ohne das er ein Versager oder nicht gut genug ist. Ich lerne Selbstabwertung und Schuldgefühlen zu begegnen.

 

Lernen, immer wieder ich. So viel habe ich noch nie über mich selbst nachgedacht, über mich selbst gelernt und mich selbst reflektiert. Ich habe gelernt mir selbst wichtig zu sein. Es gibt noch viel zu lernen und zu verarbeiten, um meine Belastungsgrenzen langsam zu erhöhen und der Depression entgegen zu stehen.

Leben wie ich es möchte, trotz Depression

In meinem Inneren weiß ich was ich möchte, wer ich bin und wohin ich möchte. Doch mein Leben mit der Depression lässt mich sehr oft diesen Glauben an mich wieder verlieren. Deshalb ich nehme jede therapeutische Hilfe an, um diesen zu stärken und fest in mir zu implementieren.

 

Die Depression hat mir die Augen geöffnet. Sie hat mein Inneres nach Außen gekehrt und das ist gut so! Sie hat mir Zeit gegeben zu erkennen, was wichtig für mich ist, was ich nie wieder möchte und mir selbst zu vertrauen. Ich habe meine Maske vom Gesicht genommen und zerstört. Ich kann und will nicht mehr funktionieren.

 

Die Depression hat meine Ängste: zu versagen, nicht gut genug zu sein, nicht das Richtige zu tun hervorgeholt, damit ich ihnen endlich begegnen kann. Ich verstecke mich nicht mehr, ich verleugne und verbiege mich nicht mehr. Ich bin jetzt wie ich bin, an guten und schlechten Tagen.

 

Mein soziales Umfeld ist klein aber fein und gibt mir die Sicherheit ein guter Mensch sein. Es sind Menschen die mich nehmen wie ich bin und mich mögen wie ich bin. Ich habe so viel Glück. Ja, Glück. Ich habe einen wunderbaren Mann, an meiner Seite. Wir haben eine schöne Wohnung, in einem guten Wohnumfeld, in der schönsten Stadt Deutschlands. Wir sind gut eingerichtet und haben alles was wir brauchen, wir sind zufrieden. Wir haben Kinder und Enkelkinder, die uns lieben und mit denen wir schöne Familienzeiten erleben.

 

Ich lebe nicht mehr, um allen zu gefallen, es jedem Recht zu machen und mich selbst klein zu machen. Ich kann die Welt nicht retten und nicht Jedem gefallen. Das ist so! Es gibt Menschen im privaten wie im beruflichen Leben, denen kann ich es nicht Recht machen, auch wenn ich mich noch so klein mache, auch wenn ich noch so viel tue.  

 

Heute sage und schreibe was ich denke. Ich behandle Menschen, wie ich es für richtig empfinde und das ist gut so. Menschen, die mir Kraft kosten, die mich nicht verstehen, die mich stigmatisieren, schließe ich aus meinem Leben aus.

 

Ich habe immer wieder gesagt: ich will mein altes Leben zurück. Heute weiß ich ganz genau: ich will mein altes Leben nie wieder zurück.

Menschen mit Depressionen sind willensstark

Ich stehe zu meiner Krankheit und ich rede offen darüber. Ich möchte aufzeigen wie ich mit der Depression lebe, welche Erfahrungen und Erkenntnisse ich sammle und wie stark ich in diesem Leben sein muss. Mein Leben ist nicht schön, es ist nicht einfach und doch gibt es viele schöne Momente und es hat überhaupt nichts mit Schwäche zu tun.

 

Wären depressive Menschen schwach, wären die Zahlen der Suizide wesentlich höher. Natürlich habe ich meine schwachen Momente und Zeiten, wie jeder andere Mensch auch. Doch, ich glaube die Depression betrifft Menschen, die stark sind, stärker als sie selbst empfinden. Ich und sie kämpfen jeden Tag mit den „normalen“ Alltagsaufgaben, für ein kleines Stück Normalität, um das Leben nicht aufzugeben.

Es sind all die Dinge, über die gesunde Menschen nicht nachdenken und sie einfach so erledigen und das ist gut so.

 

Ich bin anders! Ich bin gut wie ich bin! Ich bin einzigartig! Nimm mich bitte wie ich bin, danke!