Sternenkind oder Engel - Erinnerung, Dankbarkeit und irgendwie Trauer

Sternenkind oder Engel - Erinnerung, Dankbarkeit und irgendwie Trauer

Montag, hast du wieder Geburtstag. Du wirst 37 Jahre alt und bist 35 Jahre ein Sternenkind.

 

All die Jahre ist nur der Schmerz in mir gewesen.

All die Jahre, immer nur die Selbstvorwürfe, besser jedem Wissens.

All die Jahre viele Tränen.

All die Jahre, mit den schrecklichen Bildern.

All die Jahre, mit den schrecklichen Tönen und Lauten und immer wieder mein Schrei in die eiskalte Nacht.

All die Jahre, tief in meinem Herzen, tief in meiner Seele.

 

Die Erinnerungen sind so leibhaftig, dass es schwer ist, ihnen zu begegnen. Es ist als war es gestern.

Damals war kein Mensch da, der hören wollte was in mir tobte. Kein Mensch, der mich in den Arm genommen hat, mir Trost und Zuversicht gegeben hat. Mein Kind war tot und mein Leben lief einfach weiter, als hätte es dich nicht gegeben. Es wurde einfach totgeschwiegen. Ich war mit meinem Kampf, mit meinem Überlebenskampf allein. All die Jahre habe ich nicht wirklich darüber gesprochen. Ich konnte es nicht. Erst in den Jahren der Therapie gelingt es, hin und wieder, Bruchteile davon zu erzählen und es wird der Tag kommen, wo ich alles erzählen kann. Jetzt gibt es Menschen, die mir zuhören und mich halten.

Ich war nie in der Lage auf den Friedhof zu gehen, an deinem Grab zu stehen. Ich mied all die Jahre jede Beerdigung und jeden Friedhof. In Kirchen fand ich manchmal Ruhe. Ich zündetet eine Kerze an und war eine Weile ganz nah bei dir. Maria mit dem Kind auf dem Arm, ich weiß nicht, warum sie mich magisch anzieht. Vielleicht weil sie ihr Kind auf dem Arm hat, so wie ich dich auf dem Arm hatte, als du deinen Weg, über den Regenbogen, in den Himmel gingst. Es tut mir gut, unter ihrem Antlitz, eine Kerze für dich anzuzünden und in Gedanken mir dir zu sprechen. Ich bin ganz nah bei dir, meinem Engel, meinem Sternenkind.

All die Jahre keine Gedanken an die vielen schönen Momente. Jetzt in der Therapie lerne ich ganz langsam, gegen meine schwarze Gedankenwelt zu kämpfen. Schöne Erinnerungen in meine Welt zu holen und dabei dankbar zu sein, für jede Sekunde die wir gemeinsam hatten. Es gelingt mir damit, die traurigen Tage besser zu überstehen. Nein, diese Tage verschwinden nicht einfach, aber sie sind leichter für mich, mein Herz ist freier.

Zum ersten mal, habe ich, in diesem Jahr deinen Todestag anders verbracht. Es ging mir, wie all die Jahre zuvor sehr schlecht und daher war dieser Tag Thema in der Therapiestunde. Meine Therapeutin gab mir sehr viel Kraft, lenkte meine Gedanken in andere Richtungen und bat mich genau an diesem Tag, dem furchtbarsten Tag im meinem Leben, etwas Gutes für mich zu tun. Das schien mir unmöglich, doch ich wollte es tun. Was konnte mir schon passieren? Es konnte nur besser werden. Ich habe deinen Todestag bewusst geplant und umgesetzt.  

Ich bin in die Altstadt von Dresden gefahren. Es war kalt und regnete. Doch der Himmel schloss seine Schleusen, als ich am Neumarkt ankam. Ich schlenderte zur Kirche, doch die hatte noch zu. Kurzentschlossen habe ich mich in die wundervolle, stille Münzgasse gesetzt und mit dir eine wundervolle Kaffeezeit verbracht. Ich schleckerte einen Latte und spanische Waffeln mit Schokolade. Schaute die Münzgasse herunter und genoß diese einsame Zeit mit dir.

 

 

Danach bin ich in die katholische Hofkirche gegangen. Dort habe ich meine Kerze für dich angezündet und dir von meinen Erinnerungen erzählt. „Weißt du noch, als wir gemeinsam die Post austrugen. Du hast vorn im Zeitungskasten gesessen. Viele der „Omas“ warteten schon auf uns. Eine hatte einen „Guten-Morgen-Keks“ für dich, eine andere Schokolade und wieder eine andere hatte für dich eine Banane (die es damals so selten gab). Nach dem Zeitung austragen, haben wir uns beide immer, mit einem Stück Kuchen belohnt. Weißt du noch, „Opa Tischler“? Er war immer begeistert, wenn du in die Tischlerei geluscht hast und schenkte dir dann Hobelspäne. Du liebtest es, mit den Klammern zu spielen, wenn ich Wäsche aufhing. Du liebtest es, mit dem Töpfchen durch das Zimmer zu rutschen... Es sind Erinnerungen, die mir dein Lächeln wieder bringen. Du hattest so ein wundervolles Lächeln. 

Nach der Kirche bummelte ich noch durch die Altstadt. Ich ging, in einen kirchlichen Buchladen. Warum weiß ich nicht. Es zog mich hinein und ich folgte meinem Bauchgefühl. Ich sah mich um, stöberte zwischen wundervollen Karten, Büchern und da... Da entdeckte ich einen Engel. Dieser Engel hatte rosa Schuhe an und spielte mit einem bunten Ball. Ich war völlig neben mir und ich kaufte diesen Engel. Es war eine schöne Vorstellung, dass du im Himmel rosa Schuhe trägst und einen bunten Ball zum Spielen hast. Heute nehme ich diesen Engel, in die Hände, wenn ich sehr traurig an dich denke. Er schenkt mir sein Lächeln und ich schicke dir meine Gedanken.

Nun ist bald dein Geburtstag. Ich werde diesen Tag feiern. Wir werden für ein paar Stunden zusammen sein und in unseren Erinnerungen schwelgen. Genau, weiß ich noch nicht, wie der Ablauf sein wird, aber das ist nicht wichtig. Mein Herz wird mich führen, an diesem Tag, deinem Tag.

 

Ich weiß heute, du hast um jeden Tag Leben gekämpft. Du warst agil und fröhlich, wie andere Kinder auch. Du wolltest leben und deine Aktivität hat uns viele gemeinsame Tage geschenkt. Dein Herz aber, konnte eines Tages die Belastungen nicht mehr bewältigen. Es hörte auf zu schlagen, einfach so. Ich lerne jetzt, Schritt für Schritt, dankbar zu sein.

 

Dankbar zu sein, für jede Sekunde, die wir gemeinsam hatten.

Dankbar zu sein, dass du dich nicht lange quälen musstest.

Dankbar zu sein, dass du deinen Weg zu den Sternen, in meinen Armen gehen konntest.

Es ist so schwer. Es tut so weh.

 

Du bist mein Engel und mein Sternenkind. Ich mag es in der Kirche die Engelanzuschauen und dich unter ihnen zu wissen. Ich mag es in den Sternenhimmel zu schauen und zu wissen, das dein Licht mir ein Zeichen gibt. Das Zeichen unserer Liebe.  

„Weißt du, Abschied zu nehmen gehört zum Leben dazu.
Doch die Liebe des anderen Menschen lebt in unserem Herzen.
Sie wird uns weiter begleiten und in schwierigen... Momenten den richtigen Weg weisen. So lange, bis sich beide Herzen wieder zusammenfügen.“
©Text aus dem Buch "Die Chroniken der Windträume"/ Jando