Gerade traumatisierte Menschen sind Meister der Verstellung. Sie haben sich oft eine Rüstung zulegen müssen, um sich vor neuen Verletzungen zu schützen.

Menschen mit Traumatiesierungen

Fachbeitrag von Angelika Wende

"Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen,

was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle." - Franz Kafka

Menschen mit Traumatisierungen fällt es schwerer mit einer Krise umgehen, denn oft sind es gerade die alten Traumata, die als Ursache oder Mitursache fungieren, wenn sie in einer scheinbar unlösbaren Lebenskrise stecken.

Menschen mit Traumatisierungen aus der Kindheit und Jugend können schwerer mit einer Krise umgehen, denn oft sind es gerade die alten Traumata, die als Ursache oder Mitursache fungieren, wenn sie in einer scheinbar unlösbaren Lebenskrise stecken.

Diese Menschen erleben Krisen auch als Erwachsene meist ähnlich wie Kinder. Es treten Ängste auf, die denjenigen gleichen, die in den belastenden Kindheitserfahrungen entstanden sind und sichim weiteren Leben, wurden sie nicht aufgearbeitet, verfestigt haben. Mit anderen Worten: Die Krise kann einen traumatisierten Menschen retraumatisieren. Sie wirkt wie ein Trigger, der ihn emotional nach Hinten wirft. Diese sogenannten Trigger (Auslöser) bewirken dann unter Umständen heftige Überreaktionen, die von Außenstehenden kaum nachvollziehbar sind.

 

Bei einem akutem Trauma, dazu gehören z.B. der Tod eines Angehörigen, Trennungen, Missbrauch, Verlust der Arbeit, Unfälle und Katastrophen, was meist die Schwerpunkte bei Krisenintervention sind, können sich diese Symptome massiv verstärken oder wenn sie lange Zeit nicht auftraten, wieder neu auftreten.

 

Menschen mit einem Entwicklungstrauma, das immer auch eine Bindungsstörung zur Folge hat, entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Fülle von symptomatischen Verhaltensweisen, um ihre seelischen Defizite auszugleichen und zu kompensieren. Dissoziative Symptome, die Aufspaltung in verschiedene Teilpersönlichkeiten Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch, Zwänge, Essstörungen, Selbstverletzung, Selbsthass, unangemessen erscheinende Wutausbrüche, Ängste bis hin zu Panikattacken, Depression oder Suizidgedanken sind meist auf seelische Traumatisierungen in

der Vergangenheit zurückzuführen.

 

Dieser möglichen Hintergründe müssen sich alle Berater und Therapeuten bewusst sein. Es ist also immer möglich, wenn uns ein Mensch in der Krise begegnet, dass da in dem Erwachsenen der vor uns sitzt, ein verängstigtes, misstrauisches, verlassenes, nach Hilfe schreiendes Kind sitzt, dem Schlimmes widerfahren ist und das sich der aktuellen Situation vollkommen hilflos ausgeliefert fühlt. Ein Kind, dem mit erwachsenen Mitteln und Denkmustern nicht zu helfen ist, weil es gerade keinerlei vernünftigen Überblick über die Situation und seine Gefühle hat. Aus diesem Grund ist es in

Krisensituationen nicht hilfreich rational und sachlich, sprich von Erwachsenem zu Erwachsenem, das emotionale Desaster der Betroffenen eindämmen zu wollen.

Vielmehr gilt es anzuerkennen: Dieser Mensch fühlt sich tatsächlich völlig hilflos und ohnmächtig, auch wenn er auf den ersten Blick klug, intelligent und rhetorisch gewandt formulieren kann was ihn belastet und ziemlich erwachsen rüberkommt.

Gerade traumatisierte Menschen sind Meister der Verstellung. Sie haben sich oft eine Rüstung zulegen müssen, um sich vor neuen Verletzungen zu schützen.

Hinter diese Rüstung zu blicken, das verletzte Kind durch die Rüstung zu spüren, es zu erkennen und es in seiner existentiellen Not ernst zu nehmen, ist die Voraussetzung um eine tragfähige

Beziehung in jeder Art von Krisenintervention aufzubauen. Traumatisierte Menschen, die in einer Krise stecken, brauchen Achtsamkeit, Achtung, Annahme und Verlässlichkeit. Sie brauchen Verstehen und sie brauchen die Sicherheit, die sie als Kind von ihren Bezugspersonen nicht bekommen haben.

Vor allem aber erfordert eine erfolgreiche Krisenintervention in diesen Fällen, neben bestimmten allgemeingültigen psychologischen Prinzipien eine Form des Nachempfindens. Alice Miller nannte das Compassion: Mitgefühl als die Frucht einer lebendigen Beziehung.

Ist dieses Mitgefühl seitens des Helfers nicht vorhanden, ist die Intervention nutzlos. Bleibt der Berater, bzw. der Therapeut, distanziert und auf dem Level eines „über den Dingen stehenden

Erwachsenen“, wiederholt er genau das, was einst die Eltern des traumatisierten Kindes getan haben: Er lässt es allein.

Es ist daher elementar wichtig dem Betroffenen zu glauben, ... Jeder Versuch den Betroffenen mit moralischen oder vernunftorientierten Argumenten zu ermahnen oder ihm seine Gedanken und Gefühle ausreden zu wollen ist kontraproduktiv und im Zweifel zutiefst schädlich.

... Ein unachtsamer Satz wie: „Ich verstehe Sie nicht“, ist ein Therapiekiller.

... Menschen in der Krise leiden. Sie sind auf der Suche nach Zuwendung, Verständnis, Sicherheit und Schutz.

...

Erst wenn diese Beziehung gegeben ist, können der Helfer und der Betroffene, gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, um den Weg aus der Krise finden und ihn bis zum Ende gehen.

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