Imagination – Gespräch mit meinem totem Bruder

Imagination - Gespräch mit meinem toten Bruder

In der heutigen Therapiestunde einigten wir uns auf den Versuch einer Imagination. Bisher hatte ich wenig Erfolg damit, da ich mich nie einlassen konnte. Genau darauf kommt es aber an.

 

Ich suchte mir einen Platz für mein Imaginations-Stein. Augen schließen geht überhaupt nicht, da werde ich verrückt. Also nahm ich meinen Dänemarkstein und legte ihn so, dass ich gut darauf schauen konnte.

 

„Gehen sie in eine Situation mit ihrem Bruder“.

In meiner Erinnerung ging ich zurück, zu einem Besuch bei meiner Mutter.

 

Gemeinsam saßen wir am Esstisch. Mein Bruder saß mir gegenüber. Ja, ich konnte ihn sehen. Ich sah wieder in sein Gesicht, wie es mich abwertend anlächelte. Ich kannte dieses Lächeln so gut. Es hat mich mein ganzes Leben verfolgt. Nun saß ich dort und schaute ihn an und er hatte grinsend seine Pistole am Kopf.

 

Diese furchtbare Bild, dass ich seit dem ich die Nachricht erhalten habe, nicht mehr los werde. Es treibt mich, obwohl ich gar nicht weiß, wie er sich erschossen hat.

„Sprechen sie mit ihm. Sagen sie ihm, welche Gedanken sie jagen. Was hätten sie sich von ihm gewünscht? Sagen sie ihm, warum sie wütend auf ihn sind. Sagen sie ihm, was sie fühlen. Sagen sie ihm was er für sie tun soll. Was würde sie gern tun? ...“

 

Es war sehr schwer für mich, die Konzentration zu halten. Mit einem Toten zu sprechen. Immer wieder kam diese Bild – er lächelte mich nur abwertend an und die Pistole am Kopf. Irgendwann veränderte sich das Bild – er stand auf einem Berg, von mir abgewandt, die Pistole war weg -. Das Bild veränderte sich noch einmal – jetzt stand er auf einem Berg und „lächelte“ mich an -. Diese dämliche Lächeln war nur schwer auszuhalten. Aber ich hielt durch.

 

Ich sprach aus, was ich dachte. Ohne auf die Worte zu achten, ohne zu überlegen was ich da sagte. Natürlich weiß ich nicht mehr genau was ich alles sagte und es wäre auch vermessen die Worte aus 2 Therapiestunden hier zu protokollieren. Hier schreibe ich auf, was mir am meisten weh tut, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit.

 

Ich sagte ihm, dass er feige war, kein Arsch in der Hose hatte, dass er nicht mal einen Konflikt lösen konnte, dass er nur den einen – seinen – Weg kannte und dabei all die anderen Weg gar nicht sah. Nur diesen einen Weg wollte er. Es war für ihn unmöglich einen anderen Weg zu nehmen. … Ich sagte ihm, dass ich mir wünsche, dass er mir zuhört, dass er Hilfe annehmen soll, dass es ein Leben nach der Scheidung gibt, dass es so viele schöne Wege gibt, dass er für sein Leben kämpfen soll, dass er viel zu jung war um zu sterben. ...

 

Ich sagte ihm, das ich wütend bin, weil er – der große tolle Mann, der immer alles richtig machte – einfach so sein Leben weg geschmissen hat. Dieser tolle Mann, der alles hatte, dem so viel zugeflogen ist, der anerkannt wurde, für den die Familie da war, der so viel erreicht hatte. Dieser tolle Mann, hatte keine Ahnung wie man kämpft und war nicht einmal bereit dazu, es zu lernen. hatte immer über mich gelacht – bei meinen Scheidungen. Ja, aber ich habe sie überlebt und habe gekämpft für das was ich hatte und niemand aus der Familie war für mich da. Das ich wütend bin, weil mich sein Freitod, meine Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht, triggert. …

 

Ich sagte ihm, dass er all seine, ach so tollen, Bücher verbrennen soll, die ihm vermittelt haben, Psychologie/Psychotherapie wäre Hokuspokus. Das Hilfe annehmen, auch für ihn, überhaupt nicht schlimm gewesen wäre und er sie auch außerhalb der Kleinstadt gefunden hätte. Er hätte mehr Möglichkeiten gehabt, als ich. Er hätte nur Hilfe annehmen müssen. …

 

Ich sagte ihm, dass ich so zeitig ausgesprochen hatte, was niemand sehen wollte. Ich sagte ihm, dass ich hinter seine Maske sehen konnte. Das ich mehrfach mit Mutter und seiner Frau gesprochen hatte, zu einem Zeitpunkt wo es vielleicht noch möglich gewesen wäre, ihn umzustimmen, ihn für einen Klinikaufenthalt oder eine Therapie zu öffnen. Ja, sie haben nur mit den Augen gerollt und insgeheim sicher gedacht „ach die wieder, mit ihrem klugen Geschwätz“. Ja, ich wieder. Ich lebe noch und kämpfe nun schon 7 Jahre, weil ich leben will. Ich gebe nicht einfach auf und schmeiße mein Leben weg. Das Leben ist zu wertvoll, um es weg zu werfen. ...

 

Für sein dämliches Grinsen mit der Pistole am Kopf, hätte ich ihm gern eine Ohrfeige verpasst, die Pistole aus der Hand geschlagen, ihn in den Arsch getreten. Mensch du Blödmann, ist das alles was dir einfällt? ... Ja, ich bin wütend. Ja, es tut mir weh. Ja, so manche meiner Gedanken möchte ich nicht, sie tun mir selbst weh. Aber sie sind da. Doch jeder Mensch hat einen achtungsvollen Umgang verdient. Und doch sind sie da, diese Gedanken. ...

 

Ich hätte ihm so gern geholfen. Ich hätte ihn doch verstanden, besser als alle anderen in der Familie. Ich hatte keine Chance. Er hat mir nicht zugehört. Irgendwann war es dann auch zu spät. Da war er schon so tief in der Depression, dass gar nichts mehr hörte. Nur noch seinen eigenen Gedanken folgte.

 

Nein, ich habe keine Verantwortung für seinen Tod.

Nein, ich konnte ihm nicht helfen, weil er mich nicht zugehört hat.

Nein, ich habe keine Schuld. Er allein, hat diese Entscheidung getroffen.

Nein, er ist seinen Weg gegangen, ganz allein.

Es war sein einziger Weg, den er sah und ging.

 

Suizid, war bis zum Tag, der mir die Nachricht brachte, vom Freitod meines Bruders, immer weit weg. Natürlich gab es den Freitod und ich bin mir der Gefahr und der Gefährlichkeit der Depression sehr bewusst. Aber es waren immer Leute, weit weg, aus Funk und Fernsehen, die es betraft. Nun plötzlich und unerwartet traf mich der Suizid. Ganz nah. In meiner Familie. Mein Bruder hatte den Freitod gewählt. Der Bruder, von dem ich es am wenigsten erwartet hatte. Mein „glücklicher“ Bruder hatte sich erschossen. Mein Bruder ist tot.

 

Für mich hat dieser Freitod sehr deutlich gezeigt, es sind sehr oft diejenigen, die bis zum letzten Tag stark sind und lachen, die den Freitod wählen. Sie können nicht anders. Ihre Maske ist inzwischen angewachsen. Sie können sich nicht mehr anders befreien. Wie schreibt Angelika Wende „Liebe rettet nicht“. Es tut so unheimlich weh.

 

Passt auf euch auf! Das Leben ist zu schade, zum weg werfen.

Auch auf Umwegen wachsen Gänseblümchen.