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Urlaubsgepäck - Trauer und ein Meer von Nichts

Urlaubsgepäck - Trauer und ein Meer von Nichts

Wie war dein Urlaub?

Gut.

Wie war dein Urlaub wirklich?

Ich weiß es nicht. Er war irgendwie anders. Ich glaube ich bin nie wirklich angekommen.

 

Ich hatte Urlaub. Einen Traumurlaub auf einer kleinen Insel im Südfünischen Meer. Wir waren eingeladen worden, von Anette. Einfach so.

Hier ist es ruhig und das Meer, das du so liebst ist immer in der Nähe. Hier kannst du zur Ruhe kommen und Kraft tanken, sagte Anette.

Wir nahmen das Angebot an, mein Sohn, mein Mann und ich fuhren, zum ersten mal, gemeinsam in den Urlaub auf die kleine Insel Ærø. Keiner von uns war darauf wirklich vorbereitet. Keiner von uns, wusste was in diesen zwei Wochen auf uns zu kommen würde. Mein Mann und zwei kranke Menschen. Ich glaube wir haben ihm viel zugemutet und ich habe keine Ahnung, ob für ihn der Urlaub schön war. Ich war einfach nur froh, Zeit mit meinen zwei Männern verbringen zu dürfen. Dafür war ich meinem Mann und Anette sehr dankbar.  Ich bin dankbar für diese zwei Wochen zu dritt. Und doch, vielleicht war diese Entscheidung falsch. Vielleicht hätte ich die Einsamkeit am Meer gebraucht, um zu mir zu kommen. Ich weiß es nicht.

 

Ich weiß nicht wie mein Urlaub war. Ich hatte es schwer mich einzulassen. Mich einzulassen auf das wunderschöne alte urdänische Haus, mit seinen niedrigen Decken, dem langsamen E-Herd und auf die Zeit, die wir hatten. Was ich sofort bemerkte war die Stille hier auf der Insel. Selbst das Meer war still. Diese Stille tat mir gut. Ich liebte sie. Sie machte mich selbst auch still. Ich hatte so wenig Worte, so wenig zu sagen. Ich wollte nur die Stille. Ich wusste, ich war noch nicht angekommen. Ich wusste, ich war so unendlich leer. Meine Gefühle waren tief vergraben im Nirgendwo. Ich wollte sie nicht suchen. Mein Leben war kaputt und ich hatte nicht die Kraft es hier zu reparieren. 

 

Ich lief durch die Straßen, dieser wunderschönen, mit den bunten alten Häusern in alten Pflastersteinstraßen, von Ærøskøbing und Marstall. Ich nahm die Welt um mich herum war, mehr nicht. Ich war gern in diesen Städten und lief und lief und lief. Mich interessierten die Lädchen nicht wirklich, auch keine Glasgalerie. Ich lief durch die Straßen und irgendwann fuhren wir ans Meer. 

 

Am Meer, war ich sehr gern. Ich lief über die vielen Steine. Ich lief und lief und lief. Ich fand Hühnergötter und Malsteine. Doch richtig freuen konnte ich mich nicht. Mir fehlte das Plätschern der Wellen, das Singen der Kieselsteine, aber das Meer war still, so still wie ich selbst. In mir war Stille und ein Meer von Nichts. Ich sah hinaus zum Horizont, wo große Segler auf dem Weg nach Irgendwo waren. Ich fragte das Meer nach dem Warum und es gab mir keine Antwort. Es zeigte mir nur, wie es die blaue Urne umarmte und auf seinem Grund bettete. Mein Herz war traurig, meine Seele war still, ich war still. Still im Nirgendwo. Still am Meer. Ich hörte das leise wispern der Wellen nicht. Vielleicht. Ich fand keine Ruhe. Nicht die Ruhe mich am Meer niederzulassen, zuzuhören was es flüstert, was es mir sagen wollte. Ich war am Meer. Doch war ich wirklich dort? Ich weiß es nicht.

 

Das einzige was mein Herz erwärmte war die Sicht auf meine beiden Männer. Meinen Sohn, der wieder einmal einen Badesteg bestieg und meinen Mann, der mit dem Fernglas den Horizont absuchte. Mein Herz sprach leise: ich liebe dich. Ich liebe euch. Die einzigen zwei Menschen, die ich jetzt noch habe. Für die ich noch lebe. Irgendwie.

 

Die Strände auf dieser kleinen Insel waren alle wunderbar, so wie ich sie besonders mochte. Naturstrände, mit Sand oder Steinen, flach oder mit Steilufern und nahe der Städte mit kunterbunten Strandhäusern. Mir gefiel sehr was ich sah, doch fühlen konnte ich es nicht. Die kleinen bunten Strandhäuser strahlten so viel Lebensfreude und Hygge aus, in mir aber bleib alles im Einerlei des Nichts. Ich war auf dieser Insel, ich war am Meer, ich lief am Strand entlang. Was konnte schöner sein? All meine Sehnsucht galt genau diesem, einfach am Meer sein, einfach da sein. Es funktionierte nicht. Ich war am Meer. Ja. Mehr nicht. 

 

Es ist für mich so grausam selbst zu wissen, dass es genau so war. Ich hätte es mir so gern anders gewünscht. Nur an den letzten Tagen konnte ich ein wenig fühlen, dass ich am Meer war, dass es hier schön war, dass die Stille so wunderbar war, das hier das Leben schön war. Der Sturm hatte meine Sinne geweckt. Es war herrlich im Wind zu stehen und das Mehr zu sehen und zu hören. Wellen schlugen an die Ufer. Sie ließen die großen Kieselsteine singen, der Wind zurrte an meinen Haaren, schlug mir Wassertropfen ins Gesicht. Ich wünschte mir die harten Salztropfen, die im Gesicht schmerzten, doch die Ostsee konnte mir nur ihre weichen Tropfen senden. Ich wollte den Schmerz fühlen, es sollte mich verletzen, aber das Meer tat es nicht.

Herrlich, sich gegen den Wind zu stemmen und am Ufer entlang zu schlendern, in der Hoffnung auf einen schönen Fund. Ich war endlich angekommen. Angekommen am Meer. 

 

Ein Tag ist mir in guter Erinnerung. Der Tag an dem Ina kam. An diesem Tag funktionierte ich glaube ich, ganz gut. Ich mag Inas offene Art, sie hält nicht lange hinter dem Berg und wenn sie der Hunger plagt, dann fällt ihr warten schwer. Mit ihr waren wir auch in den Städten unterwegs. Mit ihr ging ich auch in ein paar Lädchen. Sie stöberte so gern. Ich war mit in den Läden, doch war immer froh wieder draußen zu sein. Nein, mir stand nicht wirklich der Sinn nach bummeln und stöbern. Doch mir gefiel, dass es Ina tat.

Sie erzählte uns die Geschichte der zwei weißen Hunde, die ich in so vielen Fenstern hier sah. Die Geschichte gefiel mir. Mir gefiel, dass die Hunde voll Sehnsucht nach draußen sahen, die Menschen die fern waren nach Hause sehnten (meine Weise der Geschichte). Ich glaube sie tragen meine Sehnsucht, nach mir unerreichbaren Menschen. Ich weiß es nicht. Sie tragen meine Trauer nach Menschen, die gegangen sind. Weit weg und unerreichbar. 

Gemeinsam kauften wir uns diese Hunde, in einem wunderbaren Laden. Erst an diesem Tag fiel mir auf, wie toll dieser Gemischtwarenladen war. Er hatte wirklich alles. So kamen wir beide, als stolze Besitzer von zwei Seefahrerhunden wieder aus dem Laden. Ich glaube nicht, dass es noch viele Menschen gibt, die diese Hunde kaufen. Nur der alte Herr des Ladens wusste, wo sie zu finden waren, in diesem Gewirr von Kisten und Kästen.

Ich wusste, diese Hunde würden nicht weiß bleiben. Ich musste sie bemalen, bunt und fröhlich.

Am Nachmittag kam dann auch Anette zu uns. Sie brauchte nichts sagen. Ich war ihr sehr nah. Ich sah und hörte ihre Trauer und ihren Schmerz. Trotzdem war sie glücklich, hier auf ihrer kleinen Insel. Auf der sie noch immer mit ihrem Schatz gemeinsam lebte. Kein Satz war ohne: wir haben... wir sind... wir... Ja, sie trauert tief und schwer, noch immer, doch sie lebt und jeden Tag erzählt sie ihrem Schatz, was sie erlebt hatte. Ganz tief im Herzen berührte sie mich, immer wenn ich sie sah. Ich spürte ihre Trauer und sah wie sie trotzdem lebte und sich am Leben erfreuen konnte. Das gab mir die Hoffnung irgendwann auch wieder leben zu können.

Gemeinsam saßen wir alle um den blauen Tisch und die Zeit verrann wie im Flug. Es war eine schöne Zeit, mit etwas Leichtigkeit und herrlichem plaudern über dies und das.

 

"Du darfst auch glücklich sein",  verabschiedete sie sich am letzten Tag von mir. Ja, glücklich sein. Was war das? Ich bin so weit weg vom glücklich sein. Ich bin so müde, so unheimlich müde. Nun sind schon wieder zwei Wochen vergangen. Ich habe es schwer wieder hier zu Hause anzukommen. Anzukommen in einem Land wo Panikpolitik den Alltag bestimmt. Ich sehne mich zurück auf die Insel der Stille. Auf die Insel meiner Auszeit. Einer stillen Auszeit ohne Politik, ohne Corona, ohne Maske oder die Frage nach meinem Impfstatus. Ich sehne mich nach Stille und auch wieder nicht. Mich treibt die Sorge um meinen Sohn, das suchen nach Stille, nach Allein sein und auch wieder nicht. Ich möchte so gern weinen und kann es nicht. Ich möchte am Meer sein, ganz allein. Nein, irgendwo musste auch mein Mann sein. Ich war noch nicht dort. Dort am Meer für mich allein, mit all meinem Schmerz, mit all meiner Trauer, mit all meinen ungeweinten Tränen, mit all meinen Fragen und Worten. Ich fühle mich so unheimlich still und leer. Kann ich irgendwann wieder glücklich sein? Immer wenn ich dachte, das Leben ist schön, kam eine Nachricht, die mich umwarf. Warum zur Hölle sollte ich auch glücklich sein. Ich will das alles nicht mehr. Ich will doch einfach nur ein wenig leben. Leben ohne Druck, Schubladen, schlimmen Nachrichten oder sonstigem Müll. Aber in mir ist die schwere Leere. Meine Seele trauert. Meine Seele ist müde.

 

Ich bin Anette überaus dankbar, für diese Auszeit auf meiner Insel der Stille. Für die vielen Stunden am Meer, für die vielen schönen Eindrücke, für die Zeit die sie uns schenkte. Diese Auszeit hat meiner Seele gut getan, auch wenn ich es nicht fühlen kann. Die Trauer in mir ist einfach zu stark. Ich muss die Stille verlassen, damit ich wieder leben kann, ich weiß. Ich lebe. Irgendwie. Ich weiß nicht wie. Bin im Einerlei der Gefühle gefangen. Ich möchte weinen, doch ich habe keine Tränen mehr. Ich möchte Lachen, so aus ganzem Herzen, doch da liegt ein Stein, groß und schwer, der es im Keim erstickt. 

 

Ich hatte eine wunderbare stille Zeit auf Ærø und durfte eine wunderbare starke Frau kennenlernen. Ich bin dankbar für diese Zeit. Dankbar für die Zeit mit meinen beiden Männern. Dankbar, für dieses unglaublich Geschenk, dass Anette uns gegeben hat. Es wird immer meine Insel der Stille sein. Es wird immer meine geschenkte Zeit der Stille sein. 

 

Ich hatte Urlaub. Ich hatte Zeit der Stille ihren Raum zu geben. Der Urlaub hat mir gut getan. Trotz alledem! 

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