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Lichtblicke - Auf der Suche nach Antworten

Lichtblicke - Auf der Suche nach Antworten

Seit dem Wochenende geht es mir besser. Ich kann wieder Licht sehen, am Ende des Tunnels. Für mich steht nun die Frage nach dem Warum. Was hat sich verändert, was habe ich verändert, dass es mir jetzt endlich, nach Wochen besser geht?

 

Die Antwort ist: Ich habe für mich Entscheidungen getroffen. 

 

Im Rückblick kann ich nun erkennen, dass ich mich sehr lange Zeit selbst ignoriert habe. Ich habe Entscheidungen getroffen, damit es anderen gut geht, weil wir es so geplant haben oder aus dem Affekt heraus. Das solche Entscheidungen nicht gut für mich sind, weiß ich schon lange. Ich habe zu lange so gelebt, um nicht auch jetzt noch in die Falle zu tappen. Das ist so und es wird nicht das letzte Mal sein.

Nach meinem langen Klinikaufenthalt habe ich keine Pause gehabt. Raus aus der Klinik und ab ins Leben. So funktioniert es aber nicht, habe ich nun wieder einmal erfahren. Aus Erfahrungen wird man klug, lach.

Wir sind nach der Klinik, für eine Woche, nach Garmisch gefahren. Es war mein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann. Er sollte noch einmal auf den Spuren seiner Kindheit wandeln. Von diesem Urlaub ist nicht viel in meiner Erinnerung. Wir waren dort und ich glaube es, war eine schöne Zeit.

Wenige Wochen später dann Urlaub auf Ærø, mit Mann und Sohn. Das war für uns alle eine neue Erfahrung. Es war und ist die Insel der Stille für mich. Heute denke ich, wir haben die Zeit auf der Insel alle genossen, diese Stille und diese Langsamkeit des Lebens, hat uns allen gutgetan. Und doch haben wir uns alle überfordert. Überfordert mit dem Zusammensein, mit der Stille und mit unseren eigenen Wünschen. Mein Sohn und ich gerade aus der Klinik und mein Mann, nun mit zwei psychisch Kranken im Urlaub. Auch wenn sich keiner beschwert hat, glaube ich, dass ich mit meinen Gedanken richtig liege.

 

Ich bin auf Ærø nicht angekommen, meine Trauer und der Schmerz waren noch zu nah. Mein Sohn hatte seit vielen Jahren seinen ersten Urlaub. Es ist das Eine, mit einer psychisch kranken Frau zu leben, man kennt ihre Behinderungen und Eigenheiten. Das Andere ist, mit noch einem psychisch kranken Menschen und seinen Eigenheiten, zusammen zu sein. Darüber hinaus noch zu bemerken, dass die Frau völlig auf den Sohn fixiert ist. Mein Mann hat eine andere Resilienz, daher hat er sich gut umgestellt. Das auch er über seine Belastungsgrenzen gegangen ist, haben wir bei einem Vorfall auf der Heimreise erlebt.

Mein Sohn hat sich niedergelassen und Familie gelebt, konnte sein wie er war. Seit vielen Jahren lebt er allein und wir haben nur ein paar kurze Wochenende gemeinsam. Nun konnte er zwei Wochen Familie leben und wurde verwöhnt. Ich selbst konnte nicht anders, als beständig zu schauen, ob es ihm gut ging. Ich habe ja nur noch dieses Kind. 

Auch wenn es, aus heutiger Sicht, anstrengend für alle war, werden wir einen Urlaub zu dritt wiederholen, wenn alle Faktoren dafür passen. 

 

Nach dem Urlaub ging es mir nicht gut. Jetzt rächte sich, dass ich mich so ignoriert hatte. Aber es war meine Entscheidung, diesen Urlaub so zu machen und ich nahm die Konsequenz an. Ich hatte ja Zeit, dachte ich, mich davon zu erholen. Doch es kam anders.

 

Mein Sohn kam zu Hause gar nicht an. Er hatte riesige Schwierigkeiten wieder in sein eigenes Leben, das Leben allein, anzunehmen. Auch wenn er einige Dinge in seiner Wohnung änderte, der Urlaub für ihn unvergesslich ist, kam er nicht klar. Wir entschlossen uns ihn, eine Woche nach unserem Urlaub, zu besuchen. Wir wollten schauen, wie wir ihm helfen konnten. Wir fanden meinen Sohn, völlig neben sich. Ich war geschockt. Ging jetzt alles kaputt. Es war doch so schön auf der Insel und nun das. Es war uns klar, es gab hier nur eine Entscheidung. Mein Sohn musste wieder in die Klinik. Er stimmte zu. Sodass wir ihn zur Notaufnahme fuhren und dort (draußen, weil keine Begleitpersonen erlaubt waren) warteten, bis wir sicher waren, er wird aufgenommen. Ich war kaum noch eigenen Handelns fähig. Ich setzte mich ins Auto und wir fuhren nach Hause. Auch wenn mein Mann und ich über diese Situation noch sprachen, konnte ich nur eins - verdrängen. Mein Sohn war erst einmal gut aufgehoben, die Zeit würde zeigen wie es weiter ging. Meine Sorgen und Nöte schrieb ich irgendwann auf, mit allen Konsequenzen. Diesen Brief schickte ich meinem Sohn. Er hat ihn auch gelesen und verstanden. Er war nicht empört oder sauer, auch wenn ich klare Worte gefunden hatte. Für mich, für meinen Mann konnte es keine anderen Entscheidungen geben. So weh es auch tat.

 

Nun sind Wochen vergangen, es ist fast Weihnachten. Seit einer Woche ist mein Sohn wieder zu Hause. Als ich von seiner Entlassung erfuhr, klingelten alle Alarmglocken. Würde er dieses Mal zu Hause ankommen? Gerade jetzt vor Weihnachten? Gerade jetzt, wo wir über die Feiertage in Urlaub fahren würden? Wie lange würde es dauern bis zum nächsten Vorfall? 

 

In unserer Planung wollten wir ihn am vergangenen Wochenende besuchen. Wir wollten sehen wie es ihm ging und Weihnachtsgeschenke vorbeibringen. Doch mir ging es so schlecht, dass mein Mann sich wieder einmal allein auf den Weg machte. Als er zurückkam und erzählte wie sein Besuch gelaufen war, wie groß die Freude über unsere Geschenke war und dass mein Sohn gut drauf ist, war ich einfach nur froh. Eine Last fiel mir von den Schultern, die mich fast erdrückt hatte.

 

Heute weiß ich, all meine Angst, alle meine Fragen, hatte ich verdrängt. Sie lagen hinter meinem Trauerschmerz verborgen. Vordergründig hatten mich die Fragen zum Suizid meiner Tochter gequält, hatte mir mein Schmerz das Licht des Lebens geraubt. Doch in meiner Seele tobte noch ein anderer Schmerz. Der Schmerz, die Sorge um meinen Sohn. 

Darauf packte sich der alltäglich "Weihnachtsstress" - wie Päckchen packen und der alltägliche Corona-Wahnsinn. Mit den Päckchen packen bin ich nun fertig. Den Corona-Wahnsinn habe ich durch die Impfung besänftigt. Der Druck ist raus. Nun ist 2G oder ungeimpft egal. Ich bin damit, fürs Erste durch. Auch unserem Weihnachtsurlaub in Zingst steht nichts mehr entgegen. Wir werden am Meer sein, dort sein, wo die Wellen die Asche meiner Tochter tragen, in der Prerow-Kirche an Heiligabend zur Messe gehen und an Silvester sicher eine schöne Strandwanderung machen. Ich kann meine Trauer-Kerze anzünden, kann meinen Trauer-Stein ins Wasser werfen und meiner Seele Frieden schenken, hoffe ich. Raus aus dieser Welt und nur Meer, mein Mann und ich. 

 

Nun wo ich das alles weiß, ist wieder Licht in meiner Seele. Jetzt wird mir klar, welche Belastung ich ausgehalten, verdrängt und ignoriert habe.

Seit zwei Tagen konnte ich endlich wieder einmal, ohne Traum, erholsam schlafen. Ich merke, wie sehr mich das alles erdrückt hat. Nun ist Ballast von der Seele gefallen. Es ist zu Hause soweit alles gut, meinem Sohn geht es gut und ich kann "Sorgen frei" zwei Wochen am Meer sein. Nicht irgendein Meer, nein dort wo die Urne meiner Tochter, auf dem Meeresboden liegt. Das ist es wert, geimpft zu sein. Nichts anderes.

Ich möchte loslassen von diesem riesigen Trauerschmerz. Ich möchte zurück ins Leben. Ich möchte wieder bei mir selbst ankommen. Vielleicht so gar wieder Lachen oder endlich weinen.

Aber Vorsicht, meine Liebe, nicht gleich wieder zu viel wollen. Du weißt, das geht nach hinten los.

 

Ich freue mich auf Zingst, auf das Meer und auf die Seemannskirche. Es wird sein. Dafür bin ich dankbar.

 

 

 

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