Bus fahren zur Therapie - Herausforderung - Triggersituation zum Thema Gewalt - Geht mich doch nichts an

Gewalt - Geht mich doch nichts an

Erlebnis auf einer Busfahrt zur Therapie.

 

 

Ich kann wieder, ohne mehrere Anläufe und ohne zwischendurch aus zu steigen, Bus fahren. Es ist noch immer sehr schwer für mich diese Situation auszuhalten, aber ich habe keine Wahl. Der Bus fährt mich, in 25 min, zur Therapie.

 

Im allgemeinen sitze ich am Fenster und konzentriere mich stark auf die Haltestellen, um den Ausstieg nicht zu verpassen. Meine Beine wackeln vor sich hin, der Schweiß läuft in Strömen und ich starre aus dem Fenster, damit ich niemanden anschauen muss. Ein Gegenüber oder Nachbar, laute Gespräche, lautes telefonieren oder Kindergruppen sind nur sehr schwer auszuhalten.

 

Ich bin immer froh, wenn die Haltestelle erreicht ist und ich aussteigen kann. Luft holen. Kopf sortieren.

Eine Unterhaltung triggert mich

Letzten Montag hatte ich es besonders schwer. Mir gegenüber saß ein Paar, in meinem Alter. Sie unterhielten sich sehr laut über Alkohol, betrunken sein und darüber wie ein Nachbar dann stets seine Frau verprügelt. Dann fragten die Beiden sich, warum die Frau sich nicht von diesem Mann trennt, sie das aushält, sie sich keine Hilfe sucht, sie mit niemandem spricht, niemanden hat …

 

Mich triggerte das Thema. Es würgte mich und ich wollte weglaufen. Aber wohin, ich musste zur Therapie. Ich saß da und hätte schreien können. Irgendwann riss mir der Geduldsfaden. Ich fragte die Frau: haben sie schon mal die Polizei verständigt?“ Sie antwortete: „geht mich doch nichts an!. „Dann haltet die Klappe“, plauzte ich heraus. Es war schneller aus mir heraus, als ich denken konnte. Im wahrsten Sinne des Wortes, hätte ich kotzen können. Mir war schlecht. Noch zwei Stationen, die jetzt tuschelnden Gegenüber, ertragen.  

 

Ich selbst, war einmal betroffen - bin immer noch betroffen

Mit meiner Therapeutin sprach ich darüber. „Wie geht es ihnen damit?“ „Was hat es mit ihnen gemacht?“ „Sie können stolz auf sich sein!“

 

Ja, vor vielen Jahren war ich selbst in so einer Situation. All meine Gefühle, diese Hilflosigkeit, diese Wut, diese Erniedrigung kamen in mir hervor. Ja, ich hätte damals gern Hilfe gehabt. Ja, ich hätte mich gefreut, wenn jemand die Polizei geholt hätte. Ja, in dieser Situation war ich allein, weil ich mich schämte. Ich zog mich zurück und schaute niemanden mehr ins Gesicht. Alle redeten über mich, aber keiner half. Ich hatte niemanden, dem ich es erzählen konnte. Ich durfte es auch nicht erzählen, er war Genosse. Aus der Partei kam Druck und ein deutliches Verbot - „Genossen schlagen ihre Frauen nicht, hören sie auf solche Lügen zu erzählen“ -. Selbst meine Eltern waren keine Hilfe. „So etwas tut er nicht. Wenn er es tut, dann hast du es verdient. Du hast ihm einen Grund geben, dann musst du dich nicht wundern. Wird schon nicht so schlimm sein.“ Worte die sich in meine Seele brannten. Die ich glaubte.

 

Ja, ich war zerstört. Ja, ich bildete mir ein ihn zu lieben, trotzdem. Ja, ich hatte Angst vor dem allein sein. Ja, ich hatte Angst, ich würde allein nicht zurecht kommen. Ja, ich hatte Angst vor seiner Rache. Ja, ich hatte Angst mein Kind zu verlieren. Ja, er hatte mich zu einem wertlosen, umherirrenden Nichts gemacht. Ja, ich hatte Angst vor meinen Eltern – wie sie reagieren würden. Niemals würde ich zu ihnen zurück gehen. Ja, ich wusste nicht wohin ich gehen sollte. Mir war das Leben egal. Es war eben so. Ich hatte es so verdient. Ich lebte, weil ich ein Kind hatte.

 

Doch ich fand eine helfende Hand. Sie half mir heraus und bei der Scheidung, mit einem Rechtsanwalt. Dieser schaffte es, dass in den Unterlagen festgehalten wurde, dass ich geschlagen wurde. Es schaffte es auch, dass ich die Wohnung behielt, meinen Sohn behielt und das Umgangsrecht reduziert wurde. Das war ein Schlag ins Gesicht, für ihn.

 

Ich hatte es geschafft! Ich hatte es geschafft. Er musste zugeben, dass er seine Frau schlug.

Ich habe es geschafft, für mich und mein Kind!

 

Ich stelle mich der Situation - Ich sorge für mich selbst

Heute habe ich es geschafft, die Trigger-Situation auszuhalten!

Heute habe ich es geschafft, fremden Menschen Einhalt zu gebieten!

Ich habe mich gewehrt, gegen Wertungen, Urteile und Wegschauen.

ICH HABE GESAGT: HALTET DIE KLAPPE!

Ich habe mit meiner Kaffeepause vor der Therapie, im Pavillon, gut für mich gesorgt!

Ich habe es in der Therapie erzählt und mich damit, noch einmal, der Situation ausgesetzt.

Ich habe darüber gesprochen.

Und jetzt? Jetzt schreibe ich sogar darüber!

 

Ich bin wieder kleine Schritte voran gegangen!