Ich habe meine Grenzen und das ist gut so! Wie gehe ich mit mir selbst um? Was möchte ich? Was muss ich verändern?

Ich habe meine Grenzen und das ist gut so!

Ehrlich sein, in meiner eigenen Wahrnehmung

Gestern in der Therapiestunde stieß ich zum 100sten Mal auf das Thema: Grenzen setzen. Seit 5 Jahren arbeite ich an diesem Thema und doch erkenne, achte und halte ich sie oft nicht ein. Es ist ein langer Weg meine eigenen Grenzen überhaupt erst einmal ehrlich wahrzunehmen. Wenn ich sie dann erkenne, ist es ein weiterer langer Weg diese selbst einzuhalten und ein weiterer, diese auch ehrlich zu setzen.

Ich benutze gerade das Wort ehrlich in der Wiederholung, weil gerade das für mich ein Knackpunkt ist.

 

Mein Umgang mit mir selbst

Wie gehe ich mit mir selbst um? Bin ich dabei wirklich ehrlich zu mir selbst? Treffe ich Entscheidungen, die wirklich richtig sind für mich? Oder treffe ich Entscheidungen und handle ich, weil ich es von mir selbst so erwarte, weil es so doch „normal“ ist, weil ein anderer sie von mir so erwartet oder ich sie treffe um es einem anderen Recht zu machen.

Wenn ich diese Fragen ehrlich beantworten möchte, muss ich auf mich selbst achten, mir selbst zuhören. Wie geht es mir gerade? Ich muss tief in mich hineinhorchen, um die richtige Antwort für mich zu finden.

Ich habe meine Grenzen ignoriert

Jeder Mensch hat seine eigenen Grenzen. Jeder Mensch geht damit, auf seine eigene Weise um. Ich habe sie in der Vergangenheit nicht wahrgenommen. Damit habe ich selbst meine Grenzen verletzt und zugelassen, dass andere sie verletzen. Ich denke es geht vielen Menschen so. Doch sind ihre Grenzen und damit Wahrnehmungen und gelernten Normen ganz unterschiedlich. Die einen brechen, so wie ich, eines Tages zusammen und die anderen setzen ihre Grenzen und sorgen so für sich selbst.  

Die Depression und meine Grenzen

Seit 6 Jahren lebe ich nun mit diagnostizierter Depression. Ich lernte die Grenzen meines Körpers und meiner Seele kennen. In erster Linie erst einmal die, die offensichtlich waren. Meine Leistungsfähigkeit und meine Aktivität sanken, für mich, ins bodenlose. Ich lernte das es „geht nicht“ doch gibt und machte die Bekanntschaft mit den vielen anderen Merkmalen der Depression.

 

Die Depression zeigt meine Grenzen deutlich sichtbar, wenn ich sie sehen möchte! Jetzt sind meine Grenzen viel niedriger und Grenzverletzungen haben intensive Auswirkungen auf mich. Das ist völlig normal. Mein Stresslevel ist gefüllt, meine Töpfe der Grenzverletzungen und der Leiderfahrungen, sind voll. Da braucht es nicht viel, diese zum überschwappen zu bringen.

 

Ich habe gelernt arbeitsunfähig zu sein, gelernt erwerbsunfähig zu sein und gelernt EU-Rentnerin zu sein. Das waren harte Schritte für mich, in dieser Welt, wo nur Leistungsfähigkeit zählt. Ich lerne meine Grenzen selbst zu erkennen, zu achten und einzuhalten, auch in der Familie. Oder gerade in der Familie. Sie ist ja der Mittelpunkt im meinem Leben. Ich denke genau hier, ist es auch am schwersten. Es sind nicht andere Menschen, es ist die Familie, da wo das Herz zu Hause ist. Ich lerne mich neu zu definieren, neue Wege zu finden und vor allem mich selbst zu achten. Ich lerne endlich zu sein wie ich bin. Ich tue mein Möglichstes und das ist gut so.

Meine Grenzen sind andere, als die gesunder Menschen

Es gibt in meinem Leben ganz viele Dinge, die für mich „normal“ und selbstverständlich waren. Meine Erwartungshaltung und meine Ansprüche an mich selbst, meine gelernten Glaubenssätze, meine Ignoranz gegenüber mir selbst, machen mir das Leben schwer und den Weg aus der Depression sehr lang. Das ist normal, denn was sich in 55 Jahren verfestigt hat, kann ich nicht einfach so wegwerfen. Es ist ein langwieriger Prozess der Veränderung, meiner Veränderung.

 

Eine eine gesunde Antriebsfähigkeit, ein gesundes Leistungsvermögen, Lebensfreude, eine gesundes Selbstbewusstsein und eine gesunde Eigenverantwortlichkeit, lassen gesunde Menschen für sich Entscheidungen treffen. Sie können mit ihren Entscheidungen, ob richtig oder falsch gut umgehen. Sie können aktiv und mit Freude am Leben teilhaben. Sie können auf Veränderungen und Anforderungen selbstverständlich reagieren und handeln.

 

Das kann ich nicht, nicht mehr, noch nicht.

 

Genau hier ist der Unterschied. Ich bin depressiv. Ich bin krank. Ich habe meine Einschränkungen, die alle Lebensinhalte umfasst. Nichts ist in meinem Leben normal bzw. so wie es früher war. Der ganz normale Alltag, die alltäglichen kleinen und schnell vergessenen Kleinigkeiten, bedeuten für mich schon Kampf, Überwindung und hohen Krafteinsatz.

  

Es wird auch für mich wieder ein normales Leben geben. ABER! Nicht so wie es früher war.

Ich habe jetzt die Gelegenheit zu lernen wer ich bin, wer ich sein möchte, wo meine Grenzen sind, wie ich mich verändern kann, damit ich wieder „normal“ Leben kann. Dazu gehört, ehrlich zu mir selbst zu sein, Grenzen zu erkennen, zu achten und einzuhalten. Ich werde mich verändern. Mein Leben wird sich verändern. Mein Umfeld wird sich verändern, es wird begrenzter. Es wird ein Umfeld sein, in dem ich mich wohl fühle und sein kann wie ich bin. In dem es Menschen gibt, die mir gut tun und die mir nicht Kraft rauben, die ich nicht habe.

 

Ich vertraue mir selbst. Alles was ich brauche ist in mir.