Hilfeschrei - Hab ich Depressionen - Pflegende Angehörige im Drehkreuz von Überbelastung - Wenn das eigene Leben nicht mehr sichtbar ist

Hilfeschrei - Habe ich Depressionen?

Vorwort

Ich habe mich entschlossen einen langen Schriftwechsel zusammen zu stellen, zu anonymisieren und zu veröffentlichen. Mit jeder Faser meines Herzens kann ich das Erlebte, die Gedanken und Gefühle nachvollziehen. Ich glaube, es gibt ganz viele Menschen, ganz viele pflegende Angehörige, die genau an dieser Stelle stehen. Sie glauben es gibt niemanden der sie versteht. Sie finden keinen Weg heraus aus diesem Karussell. Und ja, ich war auch so ein Mensch, wenn auch kein pflegender Angehöriger. Und ja, ich habe es so lange ausgehalten, bis wirklich gar nichts mehr ging und ich im tiefen schwarzen Loch des NICHTS verschwand. Dahin möchte ich nie wieder. Ich möchte dazu beitragen, dass andere Menschen nicht dort hin gehen. Deshalb schreibe ich öffentlich über die Depression und heute schreibe ich über diesen Schriftwechsel. Ich bin kein Arzt und kein Psychiater. Ich schreibe und antworte immer mit MEINEN Erfahrungen und Erkenntnissen.

Jeder erwartet, dass ich funktioniere!

„Ich habe lebe in einer Partnerschaft mit Freundeskreis, habe Kinder, Geschwister mit Familie, einen zu pflegenden Angehörigen, Hund und Katze. Ich allein pflege seit vielen Jahren meinen Angehörigen. Die Pflegekraft macht mir das Leben schwer. Ich meistere einen riesigen Haushalt. Ich habe keinerlei Unterstützung aus der Familie oder aus unserem Freundeskreis. Ich stoße permanent auf Unverständnis bei allen. Wenn ich die Dinge nicht regele und mich nicht kümmere, dann bleiben sie liegen. Es hätte für meinen zu pflegenden Angehörigen fatale Konsequenzen."

 

"Jeder erwartet, dass ich einfach funktioniere. Ich werde von meiner Umwelt, in keinster Weise, ernst genommen. Ich bezeichne mich immer als die einfache Lösung anderer. „Könntest du bitte..., du weißt doch bestimmt was ich tun kann..., kannst du mir helfen..., machst du das bitte … sind ständig um mich, egal wie es mir gerade geht und ob ich selbst mehrere unbehandelte körperliche Krankheiten habe.

Es interessiert niemanden. Mir ist bewusst, das ich ausgenutzt werde.“  

Im Chaos der Emotionen!

„Ich tendiere schon seit Jahren dazu, immer emotionaler zu werden. Nun kommen mir schon bei jeder Kleinigkeit die Tränen ob positiv oder negativ. Ich hab das gar nicht mehr unter Kontrolle.

 

In letzter Zeit gibt es immer häufiger die Momente wo ich mich einfach nur noch in mich verkrieche, aber ohne das meine Gedanken ruhen. Dann gibt es Tage, da merke ich gar nichts und strotze vor Energie. Hinzu kommt, dass es mir körperlich auch nicht gut geht.

 

Ich habe 5 Krankheiten, die unbehandelt bzw. unoperiert sind. Zum Reden habe ich eigentlich niemanden.

 

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, ich bin völlig verschwunden. Das ständige weinen und das ständig emotional reagieren, treibt mich in den Wahnsinn. Es ist wie ein taumeln der Gefühle und Situationen, dabei entgleist mir die Kontrolle. Sie gab mir in meinem Leben immer jegliche Sicherheit. Das macht mir große Angst und ich weiß einfach nicht wie ich das aushalten soll. Mein Hund ist der einzige, der mich ein wenig erheitert. Immer öfter wird mir alles zu viel.

 

Ich habe so viele Fragen in mir, warum mein Leben und diese Welt so sind, wie sie sind. Ich verstehe es nicht. Ich denke immer ich bin einfach in der falschen Zeit geboren, ich gehöre hier nicht hin. Die „guten Ratschläge“ die alle haben, ertrage ich nicht mehr. Manchmal werde ich dann sogar pampig und aggressiv.

 

Meine Tochter sagt mir, dass ich mich gerade massiv und beängstigend verändere. Manchmal kommt sie einfach, nimmt mich in den Arm und weint mit mir oder um mich, ich weiß es nicht.“

Todesgedanken erschreckten mich!

„Ich habe mich vor ein paar Wochen selbst dabei beobachtet. Ich wollte einfach ins Wasser gehen, auf einem Spaziergang mit meinem Hund. Ich war einfach nur von mir selbst erschreckt, im Moment meiner Gedanken, da am Wasser. Es fühlte es sich, für einen kleinen Augenblick, wie eine Lösung an. Es war nur ein kurzer Augenblick. Er hat mich erschreckt und ich dachte so unglücklich bin ich. Dann habe ich mir die Realität vor Augen gehalten, dass Millionen von Menschen gibt, denen es viel schlechter geht und ich keinen Grund habe zu jammern. Ich habe die Möglichkeit es zu ändern. Was mich am meisten erschreckt hat, war nicht die Möglichkeit zu sterben. Der Tod macht mir keine Angst. Sondern mein Handeln gegenüber meiner Tochter. Ich bin absolut verantwortlich.“

Das bin ich nicht!

 

„Das über-emotionale reagieren ist nie meine Art gewesen. Emotional reagieren war selbstverständlich, aber nicht gefolgt von derartigen Reaktionen. Ich bin doch eigentlich immer der Optimist und Realist gewesen. Diejenige, die sich ein Problem anschaut und reagiert. Ich empfand es immer als meine größte Stärke, nie zu müde zu sein, immer zu wissen was zu tun ist, für jedes Problemchen eine Lösung zu finden. Ganz ehrlich, ich hätte nie geglaubt, dass mir das passiert, dass ich an Depression erkranken könnte. Meine Vernunft sagt mir, schon mein ganzes Leben, dass ich es gut habe. Ich habe schon als Kind gelernt, wenn du abends müde ins Bett gehst und deinen Tag geschafft hast, solltest du zufrieden sein, mit dem was du hast. Ich weiß nicht wie ich etwas ändern soll, wo ich mir Hilfe holen kann und vor allem nicht wie.“

Heike, bin ich depressiv?

Ich denke, die Frage kannst du selbst beantworten. Im Inneren kennst du die Antwort.

 

Ich habe selbst geglaubt, mir könne es nicht passieren. Doch es ist passiert. Aus meinen Erfahrungen und Therapien weiß ich, dass aus chronischer Überlastung und Überforderung, eigenen Ansprüchen, eigenen Glaubenssätzen, ignorieren von körperlichen und psychischen Symptomen, ohne Selbstfürsorge sowie dem Unvermögen NEIN zu sagen und zu sich selbst zu stehen, eine Depression entstehen kann. All diese Merkmale einer ungesunden Lebensweise, all die Ausführungen zur emotionalen Situation, sind Anzeichen für eine Depression.

 

Ich habe viele Menschen kennengelernt, die genau wie du oder ich dachten und handelten, bis sie umfielen. Viele bekommen Burnout oder Depressionen. Ein Glück, sage ich heute, denn andere fallen mit Herz- oder Schlaganfall um oder nehmen freiwillig gleich den Weg in den Himmel.

 

Vor allem die Todesgedanken beim Hunde-Spaziergang sind ein sehr gravierender Hinweis darauf, dass gerade ein sehr gefährlicher Weg begangen wird. Ganz sicher ist psychische Hilfe notwendig.

 

Du bist nicht allein, mit all deinen Gedanken, Gefühlen, Ängsten und deiner Hilflosigkeit!

 

Ich habe in vielen Therapiestunden gelernt, das Selbstfürsorge überhaupt nichts mit Egoismus zu tun hat. Nur wenn ich für mich selbst sorge, kann ich stark bleiben für mich und andere.

Geben ist seliger als nehmen – ist sicherlich ein guter Glaubenssatz für ein zufriedene Leben. Aber wenn das Geben außer Kontrolle gerät, wenn du nur noch gibst, es dein Leben bestimmt und du dich selbst dabei aus den Augen verlierst, ist es fatal für deine Gesundheit.  

 

Das Leben kann nicht gut sein, wenn du an alle und jeden denkst, allen und jedem hilfst und nie an dich selbst denkst. Du kannst nicht alles allein schaffen. Das ist unmöglich. Jeder Mensch hat Grenzen, auch du und das ist gut und richtig so.

 

Jeder Mensch, so auch du, braucht Auszeiten für sich selbst, Anerkennung und Achtung seiner Grenzen, Wertschätzung und vor allem Verständnis. Dir fehlt es, so ist mein Eindruck, an allem.

BITTE NIMM HILFE AN!

Deine Erkenntnis“ich bin verantwortlich“ kann ich unterstützen. Du bist verantwortlich FÜR DICH SELBST UND DEINE KINDER! NICHT für alle anderen! Es ist höchste Zeit, dass du für dich selbst sorgst und an dich selbst denkst. Dafür Sorge zu tragen, dass dein Leben wieder lebenswert wird. Deinen Kindern ist es nicht egal, ob du lebst oder tot bist, ob du gesund oder krank bist. Was nutzt es dir und ihnen, wenn dich der jetzige Alltag, kaputt macht, dich krank macht, dir die Nerven raubt oder du zum Pflegefall wirst? NICHTS!

 

Es gibt Menschen, Ärzte und Therapeuten, die dir helfen können, wenn du die Hilfe annehmen möchtest und dein Leben positiv verändern möchtest. Nimm an! Bitte.

 

Mit Hilfe und Untersützung kannst du lernen:

  • für dich selbst einzustehen und um Hilfe zu bitten, sie einzufordern.
  • deine körperlichen Beschwerden behandeln zu lassen.
  • einen notwendigen Aufenthalt in einem Krankenhaus oder in einer Rehaklinik, für dich, in Anspruch zu nehmen.
  • NEIN zu sagen und Verantwortung abzugeben.
  • Entscheidungen, für dich selbst zu treffen, auch wenn sie anderen überhaupt nicht gefallen, sie dir Vorwürfe machen, dir die Verantwortung überhelfen wollen und sich von dir abwenden.
  • die Verantwortung für dich selbst zu übernehmen, damit du für dich und deine Kinder sorgen kannst.

Du selbst hast das Recht:

  • auf ein Leben mit Hilfe und Unterstützung, Freude, mit schönen Erlebnissen, mit Glücksmomenten, mit Liebe und Geborgenheit, mit Anerkennung und Wertschätzung…
  • in den Urlaub zu fahren, sogar mehrere Wochen. Dir eine Auszeit mit deinen Kindern zu gönnen.
  • dich für DEINE Kinder zu entscheiden und für sie zu sorgen, sie brauchen dich notwendiger als alle anderen der Welt. Sie brauchen dich gesund.
  • deine körperlichen Beschwerden in ärztliche Behandlung zu geben, um sie endlich zu heilen bzw. zu verbessern.
  • NEIN zu sagen und Verantwortung abzugeben, ohne schlechtes Gewissen.
  • dich von Menschen zu trennen, die dir nicht gut tun, die dich behindern und ausnutzen, die es nicht interessiert wie du lebst.
  • die Pflege deines Angehörigen zeitweise oder dauerhaft abzugeben. Es ist nicht DEIN zu Pflegender, sondern EUER zu Pflegender. Du hast viele Jahre, ganz allein die Pflege übernommen, jetzt sind andere dran!
  • dich für die Pflege des Angehörigen in einem Heim zu entscheiden. Ja! Diese Entscheidung empfinde ich als richtig und notwendig, wenn deine anderen Familiemitglieder die Pflege ablehnen. Auch, wenn es DIR (nur dir) das Herz bricht. Du bist nicht Schuld daran, wenn es so kommt! Deine Entscheidung ist dann, wie du den Aufenthalt im Pflegeheim, für deinen Angehörigen gestaltest (wenn es so kommt). Da liegen viele Möglichkeiten: tägliche Besuche, Spaziergänge, am Wochenende oder stundenweise nach Hause holen ….

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass du deinen Weg für Veränderungen findest. Ja ich weiß, es wird so manche schwere Entscheidungen geben, es wird dir mehrfach im Herzen weh tun und doch kann ich dir sagen, wird es dir Freiheit und seelischen Frieden geben.

 

Glaub an dich. Alles was du brauchst, ist in dir! Lass es raus und lebe es.

 

Wenn du reden möchtest, ich bin da. Ich höre dir zu, mich interessiert wie es dir geht, was du denkst und fühlst. Deine Heike

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