Suizid hat viele Gesichter. Suizid ist nicht vorhersehbar. Suizidgedanken kommen, gehen und lösen nicht immer einen Suizidversuch aus.

Suizid hat viele Gesichter!

Ich sitze hier und kämpfe immer noch mit mir. Zu heftig war der gestrige Überfall meiner Suizidgedanken. Auch wenn ich eine plausibel Erklärung dafür habe, ist es für mich unglaublich und schmerzhaft.

 

Seit gestern Abend schreibe ich all meine Gedanken dazu auf, viele Seiten hin und her. Ich möchte sie aufschreiben, um Menschen die damit konfrontiert sind, waren oder werden aufzuzeigen, wie unterschiedlich es sein kann.

 

Es kann sein, dass ich mich gegen die Suizidgedanken stellen kann, aber es kann auch sein, dass ich dazu nicht mehr Fähig bin, mein Verstand nicht mehr in mir ist.

Ich breche ein TABU-THEMA - Ich spreche über Suizid

Ich spreche laut und deutlich über Suizid und Suizidgedanken. Ich habe es bisher nicht getan, weil ich glaubte mich betrifft das Thema nicht wirklich. Ich habe zu wenig eigene Erfahrungen damit. Dem ist nicht so, wie mir meine SKILL-Auseinandersetzung mit dem Thema aufzeigt. Ich spreche darüber, um Stigmatisierung aufzuweichen, Betroffenen aufzuzeigen wie ich damit lebe. Ich spreche darüber, um Angehörigen vielleicht die eine oder andere Antwort auf ihre Fragen zu geben, ihre Schuldgefühle positiv zu beeinflussen, denn sie haben keine Schuld, sie hätten es nicht verhindern können.

Die Gesichter des/r Suizid(Gedanken)

Es ist immer schwer, gerade für Angehörige, Suizidgedanken, Suizidversuche oder Suizid zu begreifen und damit zu leben. Ich denke, es ist nicht zu begreifen. Selbst ich, begreife es nicht wirklich. Ich selbst habe einen Suizidversuch unternommen und Suizidgedanken. Meine Erfahrungen und mein Wissen geben mir die Gewissheit, für mich, dass Suizid viele Gesichter hat.

Ich schreibe hier über MEINE ERFAHRUNGEN; MEINE ERLEBNISSE! Sie haben nicht den Anspruch der Verallgemeinerung, Vollständigkeit oder psychologischen Wissensvermittlung!

Ich habe folgende Gesichter kennengelernt.

  • Flüchtige Suizidgedanken: am Straßenrand, auf der Steilküste, auf einem Berg, am Meer, auf der Mole ..., der kurze Impuls einen Schritt zu viel zu machen. Ein kurzer Gedanke, dass dann alles vorbei wäre, ich meine Ruhe hätte. Gedanken, die sich schnell verflüchtigen, wenn ich bewusst an etwas Schönes denke. (Ich spreche darüber)
  • Intensive Phasen – Suizidgedanken: Gedanken die mit Kraft, plötzlich in den Vordergrund schießen, die sich mehrfach wiederholen. Die eine Hochstress-Situation auslösen, der ich über längere Zeit (10 - 60 Minuten) sehr intensiv entgegenstehen muss. Die höchste Konzentration und unbedingten Lebenswillen verlangt. Hier ist die Gefahr schon sehr hoch, den Suizid auszuführen.  Es fehlen die Gedanken zur direkten Umsetzung. (Ich spreche darüber)
  • Suizid - Gedanken treten nicht nur in traurigen, leeren und schweren Tage auf. Nein! Mir sendet der innere Kritiker, in meinen guten Phasen, wenn ich wirklich stolz auf mich bin, diese Gedanken. In der Therapie habe ich gelernt, dass der innere Kritiker nicht möchte das es mir wirklich gut geht. Ich denke genau hier liegt die Gefährlichkeit der Suizidgedanken.
  • Intensive Dauer – Suizidgedanken: Gedanken die beständig bei mir sind, Tag und Nacht, Tage, Wochen, Monate. Gedanken die fortwährend in mir kreisen und ich intensiv eine Lösung für einen vollendeten Suizid suche. Ich spreche mit niemandem darüber. Es war MEINE Lösung für MEIN Leben. Ich wollte nicht mehr leben. (1983)
  • Suizidversuch nach Intensiv-Dauer-Suizidgedanken: Irgendwann, in einer Nacht, stand ich dann in den Gleisanlagen des großen Cottbuser Bahnhofs. Von irgend woher schien wirres Licht zu mir herüber. Ich stolperte in den Gleisen herum und hielt beständig Ausschau nach einem Zug. Es war bitter kalt, meine nackten Hände waren Eisklumpen. Alles was ich dachte war, dass ich bald im Himmel, bei meinem geliebten Kind sein würde und die Hölle hier auf der Erde verlasse. Ich weiß bis heute nicht wie ich dort hingekommen bin, ob ich eine Jacke anhatte und wie lange ich dort herum irrte. Ich kann aber immer noch den Bahnhof riechen. Ich sehe mich noch heute dort herum stolpern und kann diese Todessehnsucht fühlen. Ich hatte einen Schutzengel. Es kam kein Zug! Irgendwann wurde es meinem ungeborenen Sohn zu kalt. Er strampelte in meinem Bauch sehr heftig und tat mir weh. Er wollte nicht sterben. Mein Sohn hat mir das Leben gerettet. Durch sein heftiges strampeln, kam ich zu mir und stieg aus den Gleisen. Ich weiß heute nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Das Leben ging weiter und ich habe überlebt, irgendwie.

Anmerkung dazu: 1983, ich war 21 Jahre alt, lebte ich gerade 2 Jahre in Cottbus, mein erstes Kind starb, es war NIEMAND für mich da. Niemand nahm mich in den Arm, niemand wollte wissen wie es mir geht. Ein Kind war tot und das Leben ging einfach weiter. Weder mein Eltern, noch mein Ehemann, noch mein Arzt, noch mein Arbeitgeber hatten Anteilnahme oder Mitgefühl. Mein Ehemann schlug mich noch öfter und nannte mich Mörderin. Meine Eltern sagten, das Leben geht weiter, mein Arbeitgeber schickte mich eine Woche nach dem Tod meines Kindes arbeiten (in einem Kindergarten), mein Arzt schrieb mich bis zur Entbindung krank. Depression und Trauma waren damals, glaube ich, kein Thema. Es gab sie nicht. Psychologen brauchte man in der DDR nicht, das Leben war doch schön und was es nicht geben durfte (Misshandlung in der Ehe) gab es einfach nicht. Ich hatte mich nicht so anzustellen und arbeiten zu gehen (eine Aussage meiner Schwiegereltern, meines Mannes).

  • Suizidversuch im Affekt / Kurzschlussreaktion: Darüber kann ich nicht nicht wirklich etwas sagen, denn ich lebe noch! Ich denke aber, es gibt eine Situation, die ich erst seit heute richtig begreife und die einen versuchten Affekt-Suizid sehr nahe kommt.                                                                                          Ich nahm das Neuralgika Risperidon, von dem ich heute weiß, dass es meine Selbstmordgedanken unterdrückt hat. Meine heutigen Erkenntnisse dazu, sagen mir, sie waren da und ich habe es auch versucht. Innerhalb meiner Krankheitsdiagnose gibt es die Diagnose dissoziative Störung. Vor ca. zwei Jahren, auf dem Weg zur Therapiestunde, überquerte ich eine Hauptverkehrsstraße, eine riesige mehrspurige Kreuzung, ohne es selbst wahrzunehmen. Erst auf der anderen Straßenseite, als die Menschen mir einen „Vogel“ und den „Scheibenwischer“ zeigten, mich Kopf-schüttelnd ansahen, wurde mir klar, dass ich gerade bei Ampel-Rot die Straße gequert hatte. Ich stand auf der anderen Straßenseite und wusste nicht, wie ich dorthin gelangt war. Der Schreck saß tief und meine damalige Therapeutin war der Meinung, es wäre eine Dissoziationen gewesen. Dessen bin ich mir seit heute nicht mehr sicher. Heute denke ich, meine unterdrückten Suizidgedanken hatten sich einen Weg gesucht. Ich hatte Glück, es war mir nichts passiert und auch anderen nicht. 

Suizidgedanken richten sich nur gegen mich selbst

Die Gesichter von Suizid und Suizidgedanken sind nach meinen Erfahrungen sehr unterschiedlich. Es gibt sicherlich noch viele weitere Gesichter, die Betroffene beschreiben könnten. Andere kennt man nur aus Abschiedsbriefen und wieder andere werden wir nie kennen lernen. 

 

Meine Suizidgedanken haben sich stets und unmittelbar gegen mich selbst gerichtet. Sie haben nichts mit meinen Angehörigen, Freunden oder negativen Erfahrungen zu tun. Meine Suizidgedanken rankten sich nicht um spezifische negative Erfahrungen. Sie waren und sind, nicht fokussiert auf andere Menschen, in meiner Lebenswelt. Sie drehen sich ausschließlich darum, das mir das Leben zu viel ist, ich meine Ruhe möchte.

 

Sie kommen ohne Vorwarnung und geben mir Hinweise wie schnell ich doch tot sein könnte. Ich habe genug Lebenswillen, um mich ihnen entgegen zu stellen. Das gelingt nicht Jedem. Ich weiß auch nicht ganz sicher, ob ich es immer können werde. Aber ich werde, ganz sicher, alles Notwendige und Mögliche tun, damit mein Lebenswillen immer stärker ist als die Suizidgedanken.

 

Ich habe es verdient. Ich möchte mit meinem Mann und unserer Familie, mit meinen Freunden noch viele schöne Jahre erleben. Jetzt erst recht.

Heute gibt es Hilfe! Nehmt sie frühzeitig an!