Mein Leben mit der Depression

Dies ist mein Leben mit der Depression, mein Erleben, meine Erfahrungen! Diese sind nicht zu verallgemeinern oder übertragbar, denn jede Depression ist anders, jedes Erleben ist anders. So wie kein Mensch wie der andere ist. Mein Leben mit der Depression, ist besonders belastet, durch die Posttraumatische Belastungsstörung.

"Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. 

Ich habe damit angefangenals ich mir nicht anders zu helfen wusste."

 Zitat: Herta Müller (*1953), Literatur-Nobelpreisträgerin

 

Die Depression ist nicht das Ende

Ich lebe seit 2011 mit der Diagnose rezidivierende mittelgradige Depression, dissoziative Störung, Angst Störung und 2016 kam die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung hinzu. Wie alles begannMeine Depression begann, so denke ich heute, im Jugendalter und zog sich dann in Episoden mal mehr und mal weniger durch mein Leben, bis 2011 der völlige Zusammenbrauch kam.

 

Ich habe in meinem Leben viel gesehen und erlebt. Heute weiß ich, dass mich einiges davon traumatisiert hat. Markante Erlebnisse waren, meine kalte und lieblose Kindheit und Jugend, der Tod meines ersten Kindes, die Gewalt in meiner ersten Ehe und einem Job im sozialen Bereich in dem ich, über viele Jahre, Bossing und Mobbing erfuhr. Ich war ein hoch aktiver Mensch, der immer versuchte es allen Recht zu machen, perfekt zu sein. Ich war im Job hoch engagiert, arbeitete 40-60-Stunden in der Woche. Ich harrte in diesem Job aus, weil es keinen anderen Job gab, ich und meine 2 Kinder aber leben mussten, hatte aber schon lange innerlich gekündigt. Daneben war ich für alle Belange in der Familie zuständig, da von meinem damaligen Mann keinerlei Unterstützung kam. Ich war immer gefordert. Ich tanzte auf allen Hochzeiten und gab was ich geben konnte. Dabei ging ich selbst verloren. Immer wieder die Erfahrungen "es war nicht gut genug" - "es war nicht richtig".

 

Irgendwann, war es dann der letzte Tropfen, der mich umwarf. Die Depression hat mich überfallen und mein ganzes Leben ist über mir zusammen gebrochen. Als es sehr still wurde und ich endlich Hilfe annahmIch konnte einfach nicht mehr, gar nichts mehr. Ich wusste nicht mehr wer ich bin. Es folgten Wochen in der Klinik und Tagesklinik. Nach erfolgter Reha begann die Wiedereingliederung, die mich wieder an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Ich musste mir eingestehen, nicht arbeitsfähig zu sein und es so bald auch nicht zu werden. Das war ein harter Schlag für mich. Ich hatte mich ja stets über die Arbeit definiert. Doch es half nichts, ich musste mich meiner Seele beugen. Widerwillig beantragte ich 2013 EU-Rente. Ich konnte das Wort „Rentnerin“ nicht aussprechen, ohne dass es mir den Magen umdrehte. Nur langsam lernte ich in der ambulanten Therapie, das das Leben auch ohne Arbeit, mich nicht zu einem wertlosen Menschen machte.

 

Die Depression ist mein beständiger BegleiterSeit nun schon 7 Jahren kämpfe nun für mich selbst. Für andere habe ich keine Kraft mehr. Die Depression hat mir bewusst gemacht, dass mein Leben so nicht weiter gehen kann, dass ich mich verändern muss. Ich habe bitter gelernt, das es „geht nicht“ gibt. Ich bin kaum fähig mein Alltagsleben allein zu meistern. Ich habe nur noch sehr wenig Struktur im Tagesablauf und diese ist ein harter Kampf, jeden Tag. Ich bin ständig müde und schlapp, bin antriebslos und habe das Gefühl ich trage einen Tonnen schweren Rucksack. Die Leichtigkeit des Lebens ist nicht mehr vorhanden. Alles was ich tue, bedeutet für mich Überwindung und strengt mich ungeheuerlich an. Das schlimmste jedoch, ist für mich, das meine Gefühle nicht funktionieren. Das ist grausam und kein Mensch kann sich vorstellen, keine Gefühle zu haben, da der Mensch selbstverständlich mit seinen Gefühlen lebt. Gespräche, Unterhaltungen mit Angehörigen oder Freunden bereiten mir keine Freude, weil sie mich anstrengen. Laute Stimmen, Schreie, Töne, Hupen bringen mich total aus dem Gleis. Auseinandersetzungen, Diskussionen zu einem Thema, schlechte Stimmung unter Menschen sind für mich nur unheimlich schwer auszuhalten. An guten Tagen, kann ich Spaziergänge, gut erledigen. An anderen Tagen quäle ich mich zum Spaziergang und sehe nichts. Es ist, als wenn ich Beton an den Füßen hätte und schon 20 Km gelaufen bin. Früher bin ich gern Auto gefahren, heute kann ich es nicht mehr. Ich habe absolut keine Nerven dafür, bin zu schreckhaft. Besuch der Familie, der Kinder und Enkelkinder, Besuch von Freunden, zu Besuch fahren oder sich mit einer Freundin treffen, sind Aufgaben für mich, die tagelang vorher schon mein Gedankenkarussell in Gang setzen.

 

Kleine Schritte vorwärts. Lange Zeit war mein Leben mit der Depression im einheitlichem Grau der Tage. Es gab nur schlechte und noch schlechtere Tage. Es gab nur wenige Tage, die mir zeigten, dass ich lebe. Mein Antrieb, mein Leistungsvermögen und meine Gefühle waren auf ein Minimum reduziert. Mir fehlten das Licht, die Farben und die Gefühle des Lebens. Ich überstand den Tag, das war alles was zählte.

 

Erst ein 10-wöchiger Aufenthalt in der Traumaklinik, Ende Oktober 2016, brachte wirklich eine positive Veränderung. Die beste Entscheidung für mich. Ein sehr hartes Stück Arbeit. Ich würde es wieder tun. Seit 2017 bin ich nun in der ambulanten Traumatherapie. Ich bin angekommen. Endlich geht es um die Dinge, die da in mir toben. Langsam lerne mich nicht mit Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und Minderwertigkeitsgefühle zu bewerfen. Ich lerne Gedankenstrudel zu begegnen. Ich kann mich wieder selbst leiden, in den Spiegel schauen.

 

Ich lerne weiter, mein Leben anzuschauen, Erkenntnisse sammeln, Gedankenwege neu lenken, für mich selbst zu sorgen, mich selbst zu achten und mich selbst wertzuschätzen. Irgendwann werde ich wieder Lebensfreude und Emotionen haben. Jeder noch so kleine Schritt wird beachtet, damit ich die Hoffnung nicht verliere, eines Tages wieder Lebensfreude zu haben. Das Leben mit der Depression ist nicht schön. Jeder Tag ein Kampf mit mir selbst und für mich selbst. Immer und immer wieder. Es lohnt sich! Jetzt 2018 stehe ich vor dem 2. Aufenthalt in der Traumaklinik.

Ich bin nicht perfekt! Ich bin einzigartig!