Mein Leben mit der Depression

Ich lebe mit der Diagnose rezidivierende mittelgradige Depression und Posttraumatische Belastungsstörung.

 

Wie alles begann

Meine Depression begann, so denke ich heute, im Jugendalter und zog sich dann in Episoden mal mehr und mal weniger durch mein Leben, bis 2011.

Ich habe in meinem Leben viel gesehen und erlebt. Heute weiß ich, dass mich einiges davon traumatisiert hat. Markante Erlebnisse waren, meine kalte und lieblose Kindheit und Jugend, der Tod meines ersten Kindes, die Gewalt in meiner ersten Ehe, 15 Jahre in meiner 2. Ehe die beendet wurde, in dem er einfach verschwand und einem Job im sozialen Bereich in dem ich Bossing und Mobbing erfuhr. Ich war ein hoch aktiver Mensch, der immer versuchte es allen Recht zu machen, perfekt zu sein. Ich war im Job hoch engagiert, arbeitete 40-60-Stunden in der Woche. Ich harrte in diesem Job aus, weil es keinen anderen Job gab, ich und meine 2 Kinder aber leben mussten, hatte aber schon lange innerlich gekündigt. Daneben war ich für alle Belange in der Familie zuständig, da von meinem damaligen Mann keinerlei Unterstützung kam. Ich war immer gefordert. Ich hatte keine Zeit für mich selbst. Ich hatte auch nie gelernt auf mich selbst zu achten und lebte immer mit dem Gefühl nichts gut genug zu machen. Egal wo, auf Arbeit oder in der Familie. Meinen Eltern konnte ich es nicht Recht machen, sie hatten immer irgendwas auszusetzen.

 

Irgendwann, war es dann der letzte Tropfen, der mich umwarf. Die Depression hat mich überfallen und mein ganzes Leben ist über mir zusammen gebrochen.

 

Als es sehr still wurde und ich endlich Hilfe annahm

Ich konnte einfach nicht mehr, gar nichts mehr. Ich wusste nicht mehr wer ich bin. Es folgten Wochen in der Klinik und Tagesklinik. Nach erfolgter Reha begann die Wiedereingliederung, die mich wieder an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Ich musste mir eingestehen, nicht arbeitsfähig zu sein und es so bald auch nicht zu werden. Das war ein harter Schlag für mich. Ich hatte mich ja stets über die Arbeit definiert. Doch es half nichts, ich musste mich meinem Körper beugen. Widerwillig beantragte ich 2013 EU-Rente. Ich konnte das Wort „Rentnerin“ nicht aussprechen, ohne dass es mir den Magen umdrehte. Nur langsam lernte ich in der ambulanten Therapie, das das Leben auch ohne Arbeit, mich nicht zu einem wertlosen Menschen machte.

 

Die Depression ist mein beständiger Begleiter

Meine Depression begleitet mich Tag für Tag. Es gibt gute Tage und andere Tage. Ich habe keine längeren guten Phasen. Jeder Tag ist anders und ich versuche zu lernen, jeden Tag zu nehmen, wie er ist.

Meine Depression hat mir meinen Antrieb, mein Leistungsvermögen, das Licht und die Farben des Tages, die Freude am Leben und meine Gefühle genommen. Ich kann mich weder freuen, noch weinen, mich nicht ärgern oder wütend sein, nicht fröhlich sein. In mir sind die Gefühle im Einerlei.

 

Ich habe bitter gelernt, das es „geht nicht“ gibt. Ich bin kaum fähig mein Alltagsleben allein zu meistern. Ich habe nur noch sehr wenig Struktur im Tagesablauf und diese ist ein harter Kampf, jeden Tag. Es gibt viele Tage, da wundere ich mich, wenn es dunkel wird, dass der Tag vorbei ist und ich weiß nicht, wie ich die Zeit verbracht habe. Ich bin ständig müde und schlapp, bin antriebslos und habe das Gefühl ich trage einen Tonnen schweren Rucksack.

 

Die Leichtigkeit des Lebens ist nicht mehr vorhanden. Alles was ich tue, bedeutet für mich Überwindung und strengt mich ungeheuerlich an. Alles, sogar Zähne putzen ist anstrengend. Die Körperpflege lässt nach, manchmal dusche ich eine Woche nicht, Haare waschen ist auch nicht selbstverständlich. Alles, was Menschen, am Tag so nebenbei tun, ohne darüber nachzudenken, stellt mich vor hohe Herausforderungen, die ich oft nicht bewältigen kann. Ich bin nicht in der Lage. So bleibt die Wäsche liegen, das Frühstücksgeschirr steht am Abend noch dort, wo es am Morgen stand, die Geschirrspülmaschine bleibt voll, die Krümel auf dem Fußboden krümeln vor sich hin, ich bin am Abend noch im Schlafanzug und das einzige was ich geschafft habe ist, aufzustehen. Das widerum ruft in mir alle Arten von Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen und Minderwertigkeitsgefühle hervor, die entsprechend im Gedankenstrudel wirbeln. Ich kann mich selbst nicht leiden, finde mein Leben nicht lebenswert.

 

Das klingeln unseres Telefons ist früher schon ein Grund zur Panik gewesen, heute ist es „nur“ noch nervend. Einkauf, auch wenn es nur beim Bäcker ist, ist eine riesige Überwindung, die mich ins schwitzen bringt. Ein Einkaufsbummel, weil wir etwas zum anziehen suchen, ist oft schon nach zwei Geschäften, für mich beendet, ich bin total überfordert. Große Einkaufstempel halte ich jetzt, an manchen Tagen aus, früher war es unmöglich, sie auch nur zu betreten.

 

Gespräche, Unterhaltungen mit Angehörigen oder Freunden bereiten mir keine Freude, weil sie mich anstrengen. Ich habe Mühe im Gespräch zu bleiben, es zu verfolgen und oftmals schaltet mein Kopf einfach ab. Laute Stimmen, Schreie, Töne, Hupen bringen mich total aus dem Gleis. Auseinandersetzungen, Diskussionen zu einem Thema, schlechte Stimmung unter Menschen sind für mich nur unheimlich schwer auszuhalten. Ich kann es einfach nicht aushalten, es lässt meine Nerven im ganzen Körper surren.

 

Oft versinke ich in meiner grauen Welt und Gedankenstrudel bestimmen den Tag. Der Kopf hört einfach nicht auf zu denken. Alle Dinge aus der Vergangenheit oder Dinge aus dem Alltag drehen sich im Kreis. Sie machen mich verrückt.

 

An guten Tagen, kann ich Spaziergänge, gut erledigen. Sie tun mir gut. An anderen Tagen quäle ich mich zum Spaziergang und sehe nichts. Es ist, als wenn ich Beton an den Füßen hätte und schon 20 Km gelaufen bin. Jeder Schritt ist schwer und ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Viele Dinge in meinem Leben halte ich einfach nur aus und „freue“ mich, wenn es vorbei ist.

Früher bin ich gern Auto gefahren, heute kann ich es nicht mehr. Ich habe absolut keine Nerven dafür, bin zu schreckhaft.

 

Besuch der Familie, der Kinder und Enkelkinder, Besuch von Freunden, zu Besuch fahren oder sich mit einer Freundin treffen, sind Aufgaben für mich, die oft Tagelang vorher schon mein Gedankenkarussell in Gang setzen. Sie nehmen mich wie ich bin, ich brauche keine Angst zu haben, ich habe meine Rückzugsmöglichkeiten und doch fährt mein Kopf seine Gedankenachterbahn. Oft fährt mein Mann daher allein zu unseren Kindern. Aber es ist besser geworden, ich fahre jetzt öfter mit und bei Besuchsanfragen kann ich nicht nein sagen, auch wenn ich weiß, dass es für mich eine riesige Herausforderung und sehr anstrengend ist.

 

Das schlimmste jedoch, ist für mich, das meine Gefühle, auch gegenüber meinen Kindern/Freunden, nicht funktionieren. Das ist grausam und kein Mensch kann sich vorstellen, keine Gefühle zu haben, da der Mensch selbstverständlich mit seinen Gefühlen lebt. Mein Gefühl ist „Egal“, ein einheitliches Nichts, nur mein Kopf und mein Herz wissen, ganz sicher, dass ich diese Menschen liebe.

 

Im Oktober 2016 entschloss ich mich, für 3 Monate, in die Traumaklinik zu gehen. Die beste Entscheidung für mich. Ein sehr hartes Stück Arbeit. Ich würde es wieder tun. Sie hat mich ein riesiges Stück voran gebracht. Seit dem Aufenthalt geht es mir besser. Ich habe wieder wirklich gute Tage, bin Leistungsfähiger und bin mehr im Leben. Durch den Aufenthalt gelang es mir eine ambulante Trauma-Therapie zu beginnen. Ein Glück für mich. Es wird, mindestens, einen weiteren Aufenthalt in der Traumaklinik erfolgen. Wann, dass hängt von meiner Stabilität ab.

Mehr zum Thema Trauma und Traumatherapie findet ihr auf der entsprechenden Unterseite - Traumatherapie.

 

Dies und noch viel mehr, bedeutet ein Leben mit der Depression. Dies und noch viel mehr geschieht in meinem Leben mit der Depression. Und doch möchte ich leben! Und doch bin ich ein wertvoller und liebevoller Mensch. Ich werde weiter lernen, mein Leben anzuschauen, Erkenntnisse sammeln, Gedankenwege neu lenken lernen, um irgendwann besser Leben zu können und meine Gefühle wieder zu finden.

 

Ich bin dem Weg. Ich vertauf raue mir selbst, denn alles was ich brauche ist in mir!