Der innere Kritiker, hat mich intensiv, in den letzten Tagen beschäftigt. In der Vergangenheit ein guter Helfer. Heute behindert er mich oft.

Der innere Kritiker ist mein Monster

1. Gib deinem inneren Kritiker eine Gestalt.

Mein innerer Kritiker ist ein starkes Monster, das über mich wacht.   

2. Betrachte deine Verkörperung des Kritikers und danke ihm!

Mein Monster ist immer da und fordert mich auf, es noch besser zu machen, egal was es ist. Es verwendet alle meine selbstabwertenden Glaubenssätze und dirigiert mein Handeln. Es hat mich, in der Vergangenheit, auch beschützt. Das Monster lebt in mir. Es hat über viele Jahre darüber gewacht, dass ich überlebe. Danke liebes Monster. Wir werden jetzt gemeinsam über unsere Freundschaft nachdenken.

3. Notiere deine Wahrnehmung.

Mein Monster spricht mit harter, durchdringender und fordernder Stimme zu mir:

Du kannst nichts richtig machen.

Du bist nicht gut genug.

Du bist ein Versager.

Du bist kein wertvoller Mensch.

Du tickst anders.

Sätze, die mich von Kindesbeinen an, akut begleiten.

 

Du kannst es sowieso nicht ändern.

Halte den Mund, du verlierst sowieso.

Deine Meinung ist nicht gefragt

Du bist ein NICHTS, was bildest du dir ein.

Sätze, die ich in meiner Kindheit, meinem Fachschulstudium, in meiner ersten Ehe und in meinem Arbeitsleben, hart gelernt habe.

 

Du bist eine Mörderin.

Du hast nicht alles getan, um es zu verhindern.

Du bist selbst Schuld.

Sätze, die mich seit der ersten Ehe und dem Tod meines Kindes begleiten.

 

Mein Monster hat meinen Lebensalltag stark beeinflusst.

Menschen, die im Arbeitsalltag „über“ mir standen, wie Geschäftsführung und Vorstand, andere Mitarbeiter in leitenden Funktionen, Menschen die in anderen Vereinen, Einrichtungen, Behörden und Unternehmen angestellt waren, erzeugten in mir stets Angst nicht gut genug zu sein. Darüber hinaus, war ich gegenüber Menschen mit sehr starkem Selbstbewusstsein, Selbstdarstellern und Alphamenschen, sehr eingeschränkt Handlungsfähig. Auch meinen Eltern gegenüber konnte ich mich nicht behaupten.

 

Ich habe stets versucht alles richtig zu machen und es jedem Recht zu machen. Immer hat das Gefühl, nicht gut genug zu sein, in mir gewühlt. Wenn es etwas nicht funktionierte, war ich sicher, dass es mein versagen war, das ich etwas falsch gemacht hatte. Ich war nie in der Lage, mich zu wehren. Ich war nie in der Lage mich gut zu „verkaufen“ - gut selbst darzustellen. Ich war nicht in der Lage, ohne Emotionen, zu sagen was ich denke, zu kritisieren, Fehler aufzuzeigen. Mir fehlten, in solchen Situationen, stets die Worte, meine Gedanken fuhren Achterbahn und ich hatte immer das Gefühl nicht das Richtige zu sagen. Ich ging in Abwehrhaltung und lies zu, dass es mit mir geschah. Nein sagen, war für mich nicht möglich. Auch als ich genau wusste, das ist nicht mehr zu leisten, versuchte ich mit ganzer Kraft, die Aufgaben zu erledigen. Natürlich best möglich. Ich brauchte die Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit von anderen Menschen. Erst sie gab mir die Sicherheit, dass ich richtig gedacht und gehandelt hatte.  

4. Überprüfe die Beurteilungen und Aussagen.

Die Ansichten meines Monsters sind falsch! Sie sind nicht mehr Zeitgemäß. Mein Monster hat es gut gemeint und auch Gutes in mein Leben gebracht. Ich umarme es und bin dankbar dafür.

 

Mein Monster gab mir die Fähigkeit zu leben, zu überleben und alle Lebenssituationen zu bestehen. Es gab mir die Zeit, durch Höhen und Tiefen des Lebens zu gehen, gute und schlechte Menschen kennen zu lernen, meine drei Kinder zu bekommen und das Glück meines Lebens (meinen Mann) zu finden. Die Erfahrungen haben mich geprägt. Heute weiß ich sehr genau, was ich nie wieder erleben und tun möchte.

 

Mein Monster hat mich darin bestärkt, möglichst alles perfekt zu tun, um Fehler zu vermeiden. Es wollte mich aus der Schusslinie nehmen und Gewalt an mir vermeiden. Gute Leistungen würden mir stets Anerkennung und Wertschätzung geben, dachte es.

 

Mein Monster hat mich motiviert, immer zu lernen und über den Tellerrand zu schauen. Ich habe immer gut rechachiert und mehrfach geprüft, um richtige Aussagen zu einem Thema zu geben, Jahresberichte und Statistiken zu erstellen, neue und gute soziale Projekte auf den Weg zu bringen.

 

In besonderer Weise hat mein Monster, meinen Umgang mit anderen Menschen geprägt. Menschen, die mir innerhalb meiner Projekte begegneten, mit denen ich an der Basis im sozialen Umfeld arbeitete, die ich betreute und begleitetet. Sie fanden in mir einen emotionalen Menschen, der andere Menschen stets dort abholte wo sie standen. Ich war offen für ihre Probleme, konnte zuhören, konnte mit ihnen gemeinsam nach Lösungen suchen und Ideen ausspinnen, ihnen helfen, sie unterstützen, bestärken, motivieren, trösten, mitfühlen und mich mit ihnen freuen. Für mich war es leicht, ihnen Anerkennung, Wertschätzung, Respekt und Achtung zu geben, egal ob Hartz-IV-Empfänger, Reinigungskraft, Hausmeister oder Fachkraft. Menschliche Wärme und Verständnis, waren für mich normal, ich nahm jeden Menschen wichtig. Diese Menschen brachten in mein Leben und in meine Arbeit Freude und Glück. Sie waren es, die mich so lange durchhalten ließen, weil stets ein Geben und Nehmen stattfand.

5. Beweise deinem Kritiker, dass du alleine zurecht kommst.

Du bist eine Versagerin. Du kannst nichts richtig machen.

Doch kann ich, sonst wäre ich jetzt tot.

Ich habe 1983 nicht aufgegeben, als ich auf den Gleisen stand!

Ich habe 3 Kinder geboren, die ich liebe und die ihren Weg gegangen sind bzw. gehen.

Ich habe den Tod eines Kindes, körperliche und psychische Gewalt in der ersten Ehe überstanden. Alles was ich geschafft habe, habe ich allein geschafft (ohne Unterstützung meiner Herkunftsfamilie).

Ich habe das Leben angenommen und daraus das Beste gemacht. Ich habe nach besten Wissen und Gewissen gehandelt.

Ich hatte eine gute Zeit als Kindergärtnerin. Meine Eltern und Kinder haben mich geschätzt.

Ich habe immer gelernt, war neuen Ideen gegenüber stets offen, habe mich weiter entwickelt und habe Herausforderungen sowie Hindernisse angenommen und gemeistert.

Ich konnte viele Menschen unterstützen, motivieren und begleiten. Meine vielen Ehrenamtlichen und Seniörchen waren sehr gern mit mir aktiv. Sie wollten mich, für mein großes Herz sogar auszeichnen.

Ich habe viele Menschen getroffen, denen meine ehrliche Meinung wichtig war.

Ich habe doch einen Mann gefunden, der mich nimmt wie ich bin, der mich lieben kann.

Ich habe, als die Depression in mein Leben kam, Hilfe gesucht, gefunden und angenommen.

Ich habe mich nicht in der Depression niedergelassen. Ich kämpfe und lerne jeden Tag, um irgendwann wieder besser leben zu können.

Du bist nicht gut genug, du bist kein wertvoller Mensch.

Doch bin ich!

Ich habe inzwischen viel über mich gelernt und werde noch mehr lernen. Ich weiß, dass ich nicht perfekt sein muss, um gut zu sein. Wer bestimmt ob ich gut genug bin? Ich lasse mich nicht mehr fremdbestimmen, denn ich bin mir sicher, ich bin gut genug. Ich muss nicht Jedem gefallen und nicht mit jedem Menschen auskommen. Trotzdem bin ich gut genug und ein wertvoller Mensch. Es gibt Menschen um mich herum, die mir sehr wichtig sind und die es mir im Alltag immer wieder zeigen. Es gab Menschen die meinen Weg im Alltag, im Arbeitsleben und in der Traumaklinik gekreuzt haben, die mir deutlich gesagt und gezeigt haben, dass ich ein wertvoller Mensch bin. Auch viele Menschen, die ich nicht persönlich kenne, nur über Facebook, sind der Meinung, dass ich gut bin wie ich bin. Sie können nicht alle lügen.

 

Du tickst anders.

Ja, ich ticke anders und das ist gut so. Ich bin einzigartig! Ich bin ein hoch emphatischer Mensch und möchte es bleiben. Ich bin stolz darauf.

 

Du kannst es sowieso nicht ändern.

Ja, das ist wohl in vielen Dingen des gesamten Alltagslebens so. Ich lerne diese Dinge zu akzeptieren. Andere Dinge wiederum, möchte ich gar nicht mehr verändern, sie sind meine Mühe und Kraft nicht wert. Dinge, die unmittelbar um mich herum sind, meine Familie und Freunde, brauche ich nicht zu verändern, denn sie sind wunderbar. Dinge, Verhaltens- und Denkweisen, die meine Depression und mein Leben mit ihr betreffen, kann und werde ich ändern. Das hilft mir, meinen Lieben und anderen betroffenen Menschen, weil ich offen über meine Erfahrungen und meinen Weg schreibe.

 

Halte den Mund, du verlierst sowieso. Deine Meinung ist nicht gefragt.

Schon mein Vater sprach so zu mir. Ich habe jetzt das große Glück, auf Grund meiner schweren Erkrankung, Rentnerin zu sein. Ich muss also nicht mehr arbeiten, mich in ein Arbeitsfeld einpassen, mich gegenüber Chefs und Mitarbeitern verantworten, Mobbing und Bossing ertragen. Mir kann nichts mehr passieren, was meine Existenz bedroht. Jetzt kann ich ohne Druck und Angst meine Meinung äußern. Sie muss nicht immer richtig sein, aber ich werde sie nicht mehr herunter schlucken. Ich lasse mir den Mund nicht mehr verbieten. Ich bin schon groß!

 

Du bist ein NICHTS, was bildest du dir ein.

Ich bilde mir ein, ein Mensch zu sein! Ich bin ein liebenswerter Mensch. Ich werde mich für nichts und niemanden wieder verleugnen, verbiegen oder meine Maske aufsetzen. Das habe ich mir geschworen, als die Depression über mich herfiel.

 

Du bist eine Mörderin. Du hast nicht alles getan, um es zu verhindern. Du bist selbst Schuld.

NEIN! NEIN! NEIN! Diese Gedanken fallen immer über mich her, wenn ich an den Tod meines Kindes denke und an meine erste Ehe, in der körperliche und psychische Gewalt alltäglich waren. Das ärztliche Gutachten sagt aus, dass ich absolut nichts tun konnte. Das kleine kranke Herz, hatte einfach aufgehört zu schlagen. Trotzdem jagen mich, in Abständen, diese Gedanken. Ich war weder daran Schuld, das meine Tochter gestorben ist, noch daran, dass ich Gewalt erlebte und psychisch fertig gemacht wurde. Doch ich glaubte es lange Zeit, da diese Worte sowohl mein Mann, als auch mein Vater äußerte. Es wird wohl einen Grund geben, dass er dich schlägt, meinte mein Vater. Es wird schon nicht so schlimm sein, war die Meinung meiner Mutter. Doch es war schlimm und kein Mann hat das Recht eine Frau zu misshandeln! Ich habe nach 3 Jahren, mit Hilfe, aus der Ehe heraus gefunden und mir selbst versprochen: Nie wieder lässt du dich so misshandeln. Ich habe es umgesetzt, diese Misshandlungen gab es nie wieder. Und doch sind in mir diese Gedanken, selbst Schuld zu sein. Noch immer triggern mich bestimmte Situationen, Erlebnisse oder Stimmlagen.

6. Nimm deinen inneren Kritiker als Freund an.

Ich habe jetzt Menschen um mich herum, die mich lieben, mich wertschätzen und mich nehmen wie ich bin. Ich bin angekommen, in meinem Leben. Ich habe alles was ich brauche. Ich bin zufrieden, mit meinem Leben. Es ist niemand mehr da, der mich verbiegen oder mich brechen will.

 

Der Depression begegne ich, seit 6 Jahren, mit professioneller Hilfe. Inzwischen habe ich sehr viel Wissen in mir. Bei der Umsetzung des Wissens und der Verinnerlichung braucht es noch Geduld. 56 Jahre alte Gedankenmuster lassen sich nicht sofort ändern. Auch die Angst verliert sich nicht von jetzt auf gleich. Gerade jetzt, beim Schreiben, bei der Auseinandersetzung mit dem inneren Kritiker, bringt das Monster die Angst. Sie surrt durch das Blut und verdreht den Magen. Noch weiß ich nicht, woher diese kommt und was sie mir sagen will. Erst mal egal. Ich erkenne gerade, wie wichtig der innere Kritiker ist. Dass auch der innere Kritiker seine zwei Seiten hat.

 

Meine Gedanken fließen gerade von allein, aber diese auch wirklich anzunehmen und zu glauben, ist wieder eine andere Geschichte. Ein anderes Handeln. Ich werde es lernen. Ich werde all diese selbst abwertenden Gedanken beschwichtigen lernen, so dass ich wieder frei leben kann. Darüber hinaus werde ich weiterhin mich selbst kennen und lieben lernen. Es braucht jede Menge Übung, immer und immer wieder.

 

Mein Monster und ich werden lernen von einander los zu lassen, ohne uns zu verlieren. Wir werden uns gegenseitig respektieren und miteinander verändern. Das ist Freundschaft.