Stigmatisierung der Depression. Sie hilft nicht. Sie tötet.

Stigmatisierung der Depression!

Sie hilft nicht! Sie tötet.

Die zwei Gesichter meiner Welt zeige ich euch hier überspitzt. An guten Tage nehme ich heute, die Farben und das Licht, wieder wahr. An anderen Tagen ist meine Welt nur grau, ohne Licht und Farbe.

Stigmata – Ich kenne die Krankheit

„Ich kann nicht verstehen wie sich jemand so runterziehen kann und den Tod wählt.

Das Leben ist einfach zu schön und egal was es ist, es lohnt sich nicht den Freitod zu wählen. Ich kann mir nicht mal im Traum vorstellen zu kneifen und sie allein zu lassen. Ich denke es kommt eher darauf an ob man überhaupt etwas dagegen tun will oder nicht. Ich kenne genug depressive Menschen die es geschafft haben und sich nicht gehen lassen haben. Für mich ist aber der Freitod keine Option, das ist für mich ein davonlaufen statt sich den Problemen zu stellen. Bedauern hilft da überhaupt nicht, sondern an die Hand nehmen und klar machen das es nicht korrekt ist, sich gehen zu lassen.

Ich habe kein Verständnis dafür sich hinter der Aussage zu verstecken, ich hab Depressionen und deshalb ist es ok was ich mache. Was würden Sie denn mit jemandem machen der Depression hat? Sagen och Mensch das ist ja alles so schlimm und bring dich dann mal lieber um oder wie?

Wer wirklich seine Depressionen bekämpfen will der schafft es auch und nicht dadurch, dass er den Freitod wählt, sondern sich helfen lässt. Mein Bekannter sagt jetzt selbst, dass er nur einen Arschtritt brauchte um wieder ins Leben zu finden. Meine Freundin hat es geschafft sich zu überwinden, da sie verstanden hat das sie sich nicht aufgeben darf. Man sollte sich nicht einfach aufgeben und nur auf Ärzte hören, sondern auch auch selber aufrappeln.“ (Textquelle: meine Facebookseite)

Stigmata, Abwertung, Arschtritte, unkorrektes Verhalten sind die Wahrheit und keine Sprüche und diese Worte sind weder unangebracht, noch respektlos, sagt ein Mensch, welcher im medizinischen Bereich arbeitet und von sich selbst sagt, er kenne die Depression. Leider gibt es sehr viele Menschen, über alle Berufs- und Altersgruppen, die so denken. Genau diese Einstellung und der dem entsprechende Umgang mit psychisch kranken Menschen, lässt uns die Krankheit lange ignorieren, treibt uns in die Isolation und in den Freitod.  

Ich habe mir die Depression nicht ausgesucht

Ich selbst, habe Jahrzehnte nach dem Motto - Geht nicht gibt es nicht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – gelebt. Egal wie es mir ging, ich habe alle meine Aufgaben so perfekt wie möglich erledigt und oft an vielen Fronten gleichzeitig gekämpft. Doch dann, lehrte mir mein Kopf, dass es auch anders geht. Er schaltete die Lichter aus.

Ich, die hoch engagierte, zielorientierte, fröhliche, auf allen Hochzeit tanzende, immer helfende Powerfrau war auf einmal ein Bündel Hilflosigkeit und Kraftlosigkeit. Ich wurde zu einem Menschen, für den all die alltäglichen Kleinigkeiten schon riesige Hürden waren. Jede Bewegung, jedes Tun, jeder Gang und jedes Denken waren eine riesige Überwindung, ein Kampf mit mir selbst. Im Kopf herrschte eine unheimliche Leere und Traurigkeit. Mein Leben hatte weder Farben noch Licht. Ich selbst bildete mir ein, nun ein völlig wertloser Mensch zu sein, zu schwach für das Leben, eine Belastung für alle. Ich passte nicht mehr in diese Welt, wo es nur um Leistung ging. Ich sah mich selbst und wusste nicht mehr wer ich war. Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Meine Antworten auf Stigmata

Ich gehe nun 6 Jahre, diesen Weg und nehme jede Hilfe an, die ich bekommen kann. Ich lerne mich selbst ganz neu kennen und vor allen zu achten und zu wertschätzen. Deshalb schreibe ich hier und deshalb sage ich es noch einmal sehr deutlich:

 

Wir sind Menschen die psychisch krank sind. Viele von uns nehmen Hilfe an! Wir nehmen viele Stunden Therapie in Anspruch und setzen uns mit uns selbst auseinander.

 

Wir verstecken uns nicht hinter der Krankheit. Wir verstecken oft uns selbst, weil wir wissen, dass wir stigmatisiert werden oder Angst davor haben.

 

„Es ist schon nicht so schlimm..., wenn du es wirklich willst..., sei nicht so labil..., sagte meine Eltern. Doch es ist schlimm, es ist furchtbar, das Leben mit Depressionen. Ja, ich will und ich bin ganz bestimmt nicht labil! Deshalb mache ich Therapie und deshalb lebe ich noch.

 

Wir ziehen uns nicht selbst herunter bis wir krank sind. Uns hat das Leben zerrieben, oft mit Erlebnissen, die deiner Vorstellungskraft entbehren.

 

Wir lassen uns nicht gehen. Wir sind kraftlos und doch kämpfen wir jeden Tag, um alltägliche Kleinigkeiten, die normalen Menschen überhaupt nicht bewusst sind.

 

Wir brauchen ganz bestimmt keine Arschtritte. Das können wir selbst gut genug. Wir haben dazu aber kein Recht und schon gar nicht haben wir sie verdient.

 

Wir überwinden uns jeden Tag aufs Neue, weiter zu machen, weiter zu lernen, weiter zu kämpfen.

Für uns ist das Leben nicht einfach schön. Für uns ist das Leben weder einfach, noch schön. Uns fehlt das Licht und die Farbe. Uns fehlt oft der Sinn und das Gefühl. Wir können die Schönheit nicht erkennen, auch wenn wir gerade mitten drin stehen.

 

Wir kneifen nicht, auch nicht, wenn wir den Freitod wählen. Wir stehen oft der Todessehnsucht gegenüber. Manchen von uns, wenn sie allein spazieren gehen oder Fahrrad fahren. Anderen, wenn sie die Steilküste entlang gehen. Wieder anderen, wenn sie über die Straße gehen. Diese Gedanken kommen, wenn wir schlafen wollen und nicht können, wenn wir kraftlos den Tag verbringen und nichts hinbekommen … Wir suchen uns diese Gedanken nicht aus. Unser Kopf sendet sie und wir kämpfen dagegen an, so lange wir können.

 

Wir geben uns nicht einfach auf. Wir wollen leben, aber nicht so (mit der Krankheit). Diese Krankheit ist die Hölle und kostet uns alle Kraft und Energie, jeden Tag auf neue und jeden Tag von vorn. Und so mancher ist irgendwann nur noch des Lebens müde und gibt nach langem, endlos erscheinendem, Kampf auf. Leider. Und nein, wenn man dort angekommen ist, hat man keine Gedanken mehr an andere, man will nur noch weg, für immer.

Ich bin einzigartig. Nimm mich wie ich bin.

Diese Krankheit ist für gesunde und lebensfrohe Menschen sehr schwer, bis überhaupt nicht zu verstehen. Ich verstehe sie bzw. ihre Auswirkungen, ja selbst kaum.

Ich bitte, die Menschen da draußen, respektiert diese Krankheit mit ihren Auswirkungen. So viele Betroffene ihr trefft, so vielen unterschiedlichen Depressionsformen begegnet ihr.

 

Nehmt uns einfach an, wie wir sind. Seit einfach da, auch wenn es euch so scheint, uns wäre es egal. Fragt uns, ob wir erzählen möchten, was wir in der Therapie erfahren und gelernt haben. Hört uns zu, wenn wir erzählen wollen. Seit nicht sauer, wenn wir Termine absagen oder nicht telefonieren, denn es heißt nicht, dass wir euch nicht mögen. Nehmt uns in den Arm, wenn euch die Worte fehlen. Geht mit uns spazieren, fragt uns immer wieder, gebt nicht auf. Kommt einfach auf einen Kaffee vorbei, nur für ne halbe Stunde.

 

Respektiert unsere Grenzen, gebt uns Zeit, seit geduldig und setzt uns nicht unter Druck. Unterstützt uns bei der Bewältigung der alltäglichen Aufgaben, aber nehmt uns nicht alles ab.

 

Gebt uns viele positive Impulse wie z.B. schön, dass es dich gibt, ich hab dich lieb, du bist gut wie du bist. Wir möchten nicht gelobpudelt und nicht bedauert werden.

 

Wir brauchen ernst gemeinte, wirklich interessierte, ehrliche, positive Rückmeldungen und keine Stigmata.

 

Bitte liebe Familie und Freunde, vergesst nicht, wir lieben euch, egal wie es uns gerade geht.