Mein Therapieweg-Spuren im Sand-Irgendwann

Mein Therapieweg - Spuren im Sand - Irgendwann

Ich habe mich entschieden, mich meinen Traumata und meinen negativen Glaubenssätzen zu stellen.

Es ist der einzige Weg, um mich endlich selbst zu finden, um mich selbst zu befreien, um mein eigenes Leben zu führen. Es ist der einzige Weg zu lernen, mich nicht selbst ständig zu ignorieren, nicht dauernd Entscheidungen zu treffen die für andere gut sind, mich nicht mehr zu verbiegen, zu meinen Gedanken und Gefühlen – zu mir selbst zu stehen, ohne mich zu rechtfertigen und ohne schlechtes Gewissen.

 

Ich bin schon lange auf diesem Weg. Doch nun erst bin ich angekommen. Nun erst begreife ich, warum meine Welt ist, wie sie ist. Ich habe mein Leben lang gekämpft, nur um es anderen Recht zu machen, anderen Erwartungen gerecht zu werden, Liebe zu erhalten, um Anerkennung und Wertschätzung. Ich habe immer angenommen, das Leben wäre so. Ich nahm jede schöne Zeit und war dankbar dafür. Doch welchen Preis zahlte ich dafür? Ich kannte und wusste es nicht anders. Ich habe mich, am Ende, selbst völlig verloren.

Hatte ich mich jemals gefunden? Nein.

Mein Schneckenhaus

Dann war mein altes Leben zu Ende. Ich wollte nicht mehr stark sein. Ich wollte nicht mehr kämpfen. Und ja, wäre mein Leben beendet gewesen, wäre es mir egal gewesen. Ich wollte nur noch meine Ruhe. Ich wollte einfach nur ich sein. Ich wollte einfach nur allein sein, niemanden mehr sehen und hören. Ich wollte mich nicht mehr erklären, reden, verteidigen, auseinandersetzen. Ich wollte raus aus dieser Welt, das Leben war für mich zu schwer. Mein Schneckenhaus war für mich lange Zeit, mein Leben. Dort fühlte ich mich beschützt und sicher vor allen negativen Einflüssen. Nur sehr langsam lernte ich es zu verlassen und es war jedes Mal ein schwerer Gang, egal wie positiv mein Vorhaben war. Es war immer mit Angst, Panikattacken und Dissoziationen verbunden. Nur für die Familie und die Therapie verließ ich mein Schneckenhaus.  

Ich lernte, nicht zu kämpfen, heißt aufgeben. Ich lernte zu kämpfen, für MICH SELBST! Das erste Mal in meinem Leben begann ich, mich selbst wahrzunehmen, mich selbst zu sehen, für mich selbst Entscheidungen zu treffen. Ich lernte in ganz kleinen Schritten wieder voran zu gehen, wieder in das Leben zu gehen. Ich lerne es noch immer. Als im vergangenen Jahr, dann die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung hinzu kam und eine weitere Bewilligung meiner Verhaltenstherapie abgelehnt wurde, entschloss ich mich für einen stationären Aufenthalt in der Traumaklinik. Es war eine richtige Entscheidung.

Traumaklinik

Der Aufenthalt in der Traumaklinik war sehr hart (siehe Traumaklinik-Tagebuch). Er hat mich ein ganzes Stück, zurück ins Leben gebracht. Ich habe 10 Wochen bewältigt, habe gekämpft, habe positive und negative Erlebnisse gemeistert und eine für mich überwältigende Wertschätzung erfahren. Ich habe erlebt und erfahren, dass ich gute Gedanken habe, anderen Menschen gut tue, anderen Menschen meine Meinung wichtig ist und ich ein sehr wertvoller Mensch bin. Ich habe es geschafft, jeden Tag aufzustehen, Körperpflege zu machen, mich anzuziehen, regelmäßig zu essen, alle Termine pünktlich wahr zu nehmen, Menschen anzunehmen und mir Hilfe zu suchen, wenn ich sie brauchte. Ohne meinen Aufenthalt dort, hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit.

Mein Leben ist jetzt bunter

Mein Leben nach der Traumaklinik hat sich verändert. Ich habe eine Tagesstruktur, erledige wieder selbst Alltagsaufgaben, gehe allein einkaufen, gehe regelmäßig zur Ergotherapie und bin insgesamt aktiver im Leben. Ich sehe wieder die Blumen am Wegesrand, spüre wieder die Sonne auf der Haut, kann mir selbst Gutes tun, fotografiere wieder sehr gern, erlebe meine Tage bunter, kaufe mir wieder Bekleidung und Schmuck und bin mit meinem Mann gern in der Umgebung unterwegs. Auch mein Gefühlsleben hat sich positiv verändert. Ich bin nicht mehr so leer. Leise klopfen meine Emotionen wieder an die Tür und ich lasse sie herein. Jetzt sind meine Wochen nicht mehr so tief grau und die Tage im Einerlei. Jetzt erlebe ich Höhen und Tiefen, solche und solche Tage. Die Tiefen, die ich habe, sind nicht mehr so heftig. Die Höhen haben helle Farben. Ich bin auf dem Weg wieder Mensch zu sein, auch wenn es mich derzeit meine ganze Kraft kostet und mein Weg noch lang sein wird.

Meine ambulante Trauma-Therapie

Die Traumaklinik ermöglichte mir den Zugang zu meiner ambulanten Traumatherapie. Meine dortige Therapeutin, hatte noch Kapazität frei und übernahm mich, als ihre Therapie-Patientin. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Es hat eine Weile gedauert, doch im Juni konnte die ambulante Therapie endlich beginnen. Sie ist der einzige Weg, Stabilität für einen weiteren Klinik-Aufenthalt zu erreichen und meinen Weg zurück in das bunte Leben zu finden. Es gibt keinen anderen. Ich muss an mir selbst arbeiten, mich selbst verändern, selbst erkennen wo meine Gedanken herkommen und wo sie hinführen, wie ich sie verändern kann. Nur das, kann mein Leben mit der Depression positiv beeinflussen.

 

Ich habe sehr viel Angst auf diesem Weg. Schon in den ersten Stunden, ist mir sehr hart bewusst geworden, wie sehr ich mich selbst ignoriert habe. Ja! Ignoriert! Plötzlich tut sich mein ganzes Leben vor mir auf. Alle unbeantworteten Fragen, alle nicht gelösten Probleme, all die Dinge die ich hingenommen habe. Die unterschiedlichsten Situation tauchen in Wort und Bild wieder auf. Mein Kopf ist nur am denken, selbst in der Nacht jagen mich meine Träume.

MEINE Spuren im Sand

Ich stehe auf einer Klippe und blicke auf das tosende, brüllende, dunkle Meer. Das Meer meiner Vergangenheit, meiner negativen Glaubenssätze und meines Lebens.

 

 

Ich werde den Weg zum Strand finden. Ich werde sicheren Fußes MEINE Spuren im Sand hinterlassen, immer und immer wieder. Irgendwann. Ganz sicher.

 

 

 

Ich bin dankbar, dass ich noch lebe. Ich habe noch so viel Zeit. Es wird die beste Zeit meines Lebens.

 

 

 

Ich werde mich nicht mehr ignorieren!