Urlaub ist schön, auch mit Depressionen. Fotos zeigen keine Depression. Fotos zeigen mich, in Glücksmomenten. Wieder Zuhause überfordert mich das normale Leben.

Urlaub ist schön, auch mit Depressionen

Auf fast allen Fotos von mir, die es dank Michael gibt, sehe ich sehr gut aus. Ich selbst schaue mir die Fotos gern an (das war nicht immer so). Sie zeigen, dass ich mich gut fühle, dass ich mich wohl fühle so wie ich bin, das ich Michael liebe und das ich dieses Land liebe. Einige zeigen das ich mich selbst übertroffen habe.

Was Fotos nicht zeigen

Fotos zeigen nicht, dass es für mich etwas Besonderes ist hier zu sein, dass es gute und andere Gedanken gab, das die Tage mich angestrengt haben, dass mein Kopf immer und immer gearbeitet hat. Sie zeigen auch nicht, dass ich nicht wirklich entspannt war, weil ich immer konzentriert war. Konzentriert darauf, achtsam zu spüren, dass es mir gut geht, zu denken wie schön die Landschaft, der Ort oder einfach nur das Dasein ist, die Naturgeräusche wahrzunehmen, die Weite und Ruhe zu erleben. Konzentriert darauf, die anderen Gedanken – Gedanken an den Tod - zu bekämpfen.

 

Ja, was für „normale“ Menschen selbstverständlich ist, das Fühlen, das Denken und das Erleben in der Gemeinsamkeit, ist für mich derzeit immer noch nicht möglich. Leider. Ich kann es im Inneren nicht fühlen, ich kann es „nur“ denken.

 

ABER. Ich bin, in Dänemark, unbelastet und leicht und meine Seele ist frei. Ich habe Ruhe, Stille und die Weite sowie Schönheit der Landschaft. Urlaub ohne Hektik, lautes Geschrei, ohne ständige Geräusche von Autos oder Maschinen, ohne Menschenmassen und ohne PKW- und LKW-Gedrängel auf den Straßen oder in den Orten. Ja, auch Urlaub ohne Therapie und Auseinandersetzung mit der Depression.

Wunderbare Ruhe und Stille

Am Ferienhaus, das unweit anderer steht, erlebe ich Ruhe und Stille. Ich sitze auf der Terrasse am Morgen und am Abend und höre NICHTS. Keine Menschen und ihre Gespräche oder Geschrei, keine Autos, keine Straßenbahn, kein Feuerwerk, keine laute Musik, kein Hupen und Knallen. Es ist wohltuende absolute Stille um mich herum und die Natur spielt ihre Melodien für mich. Die Vögel zwitschern, Möwen rufen, der Wind säuselt oder donnert ums Haus. Das Meer komponiert seine Wellen-Sinfonien und sendet sie mit dem Wind zu mir herüber. Nichts stört mich, um langsam in den Tag zu kommen oder den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen.

 

Diese Ruhe gibt es auch in den Orten, auf den Straßen und am Strand. Natürlich sind in den Orten Menschen, auf den Straßen fahren ein paar Autos und am Strand bin ich auch nicht allein, aber es ist überhaupt nicht mit Deutschland zu vergleichen. Es ist einfach wesentlich ruhiger und entspannter.

Gedanken an den Tod

Erstmalig, in einem Urlaub am Meer oder in Dänemark, haben mich auch Gedanken getroffen, die mich selbst erschrocken und hart mitgenommen haben. Ich habe mehrfach mit Gedanken an den Tod gekämpft. Ich war an wundervollen Orten und sie überfielen mich, aus dem Nichts.

 

Ich saß am Strand und wollte das Meer anschauen und genießen. Ich schaute auf das Meer, schaute den Wellen zu wie sie sich aufbauten, überschlugen und dann mit ihrem Schaum auf das Wasser fielen. „Es wär schön, wenn eine große Welle käme und mich holen würde. Wenn sie über mir zusammenschlagen und mich hinaus ziehen würden, in ihre Unendlichkeit. Dann hätte ich meine Ruhe, meinen Frieden, meine Stille und niemand könnte mich mehr verletzen, fordern oder drängen. Liebe Welle komm ich bin für dich bereit“- wirbelten die Gedanken in meinem Kopf.

 

Das will ich nicht war meine innerliche Antwort. Nein, dass will ich nicht. Wenn ich Tod bin, dann kann ich die Ruhe und die Stille nicht erleben. Ich stand auf, nahm meinen Fotoapparat und ging los, direkt ans Wasser. Am Ufer entlang fotografierte ich was das Meer, im Zusammenspiel mit dem was es an den Strand spülte zeichnete. Ich fotografierte die Todessehnsucht nieder. Ich fotografierte, schaute nach Steinen und Muscheln und konnte mich so wieder beruhigen. Ich war erschrocken und das blieb ein paar Tage so. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mich dort, wo ich immer glücklich war, solche Gedanken peinigten. Leider wiederholte sich dieses Gedankenspiel noch einmal.  

Es traf mich auch, an meiner geliebten Steilküste in Nr. Lyngby. Sie ist eine der Natur-gewaltigsten und beeindruckensten Küstenabschnitte in Dänemark. Hier frisst sich das Meer jedes Jahr mehrere Meter in das Land. Wir liefen oben auf den Steilhängen entlang, um die vielen eindrucksvollen Abbrüche und Veränderungen zu sehen. „Schau, wenn du dich jetzt fallen lässt, fällst du weit, es tut nur noch einmal weh und dann ist alles vorbei. Du stirbst an deinem Lieblingsort, bist ganz schnell tot.“ zwitscherten meine Gedanken. Nein, dass will ich nicht, war wieder meine Antwort und der Fotoapparat tat seine Arbeit.

 

In meiner 2. Urlaubswoche hatte ich dann meine „Gedanken“-Ruhe. Diese furchtbaren Gedanken kehrten nicht mehr zurück. Ein Glück und doch diese Erlebnisse erschüttern mich heute noch und auch jetzt wo ich sie aufschreibe.

Mein Kopf kann wieder denken

Inzwischen habe ich mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Ich denke, die Depression hat versucht die Macht zu ergreifen. Bevor ich das Medi Risperidon abgesetzt habe, hatte ich solche Gedanken nie. Ich wollte von Beginn an, immer mein Leben zurück, wollte leben. Ich denke, das Risperidon hat diese Gedanken unterdrückt und abgeschaltet, wie so viele andere Gedanken auch. Seit es abgesetzt ist, hat mein Kopf wieder denken gelernt und er denkt leider ununterbrochen. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Ich kann denken und dadurch lernen und entscheiden! Ich bin aber dadurch nie entspannt. Ja, ich kann mich ablenken und mich auf positive Dinge konzentrieren, aber Entspannung ist das nicht. Ich schreibe, bearbeite und sortiere meine Fotos, arbeite am Blog …

Meine Skill-Fotos

Urlaub, wo meine Seele frei ist

Wie spüren sie das ihre Seele frei ist, fragte meine Therapeutin. Spüren? Meine Seele ist frei, frei von allem Druck des alltäglichen Lebens, frei von jedem Muss und allen Terminen. Für zwei Wochen gibt es nur mich, Michael und das hyggelige Leben. Freie Seele ist: Dankbarkeit, Zufriedenheit und meine innerliche Ruhe, kein Gedankensurren und meine Anspannung ist nebensächlich.

 

Es ist für mich, so war es früher auch schon, ein völliges Abschalten des normalen Lebens, das Heraustreten aus allen Anforderungen des Lebens, das Abschalten der Nachrichtenfluten und der Menschenmengen. Hier kann ich einfach nur Dasein und niemanden stört es oder stört mich. Nur das weite Meer, Sonne, Wind und Wolken, einsame weite Strände, Ausblicke in die wundervolle Landschaft, ruhige kleine Orte und all die wenig befahrenen kleinen Straßen zu unseren Ausflugszielen. Das ist Urlaub, wo die Seele frei ist. Das ist Dänemark.

Zuhause vom Alltag überfordert

Jetzt bin ich wieder in Deutschland und das Leben holt mich ein. Immer habe ich gesagt, das ich diese Stadt liebe, dass ich sehr ruhig wohne und saß gern in der Ruhe auf meinem Balkon.

 

Jetzt bin ich völlig überfordert mit allem um mich herum. Diese ganzen Geräusche, Flugzeuge, lautes Knallen und Hupen, Krankenwagen, Straßenbahn, der ständige Autoverkehr, Menschen die vorbei gehen und sich völlig normal unterhalten, Kinderlachen, Musik von irgendwoher … Mein Balkon ist NICHT mehr ruhig. Wenn ich unterwegs bin, die Straßenbahn ist voll, überall wuseln Menschen, in den Geschäften dudelt Musik und wirbeln viele Menschen, auf den Straßen ist ein heftiger Verkehr. Ich bin völlig verwöhnt von Dänemark. Ich empfinde es jetzt als furchtbar.

 

Daneben habe ich diese Woche auch ein heftiges Programm gehabt. Montag – Therapie, Dienstag – Blutabnahme, Donnerstag – Befundgespräch, Freitag – Ergotherapie. Ich habe alle Termine bewältigt. Darüber hinaus galt es Wäsche zu waschen, meine Mitbringsel auszupacken, die alltägliche Struktur einzuhalten und irgendwie wieder im Alltag anzukommen.  

Ich bin noch nicht angekommen. Ich halte mich mit meinen Fotoberichten zu Dänemark über Wasser. Ich wurschtle mit meinen Mitbringseln rum, kaufe und pflanze mir Heide - für ein kleines Stückchen Dänemark zu Hause und sortiere meine Steine und Muscheln. Aber eine Verbindung dazu, fehlt mir. Ich habe keine Freude daran, die innere Leere und Teilnahmslosigkeit bestimmt meinen Tag. Ich fühle mich gestresst, überfordert und sehne mich nach Ruhe und Stille.

 

Morgen ist eine neue Woche. Eine neue Woche um wieder im Alltag anzukommen.